Allgemein, kreatives Schreiben

Schreibübung 12: Perspektivwechsel

Inhalt

Literarisches Schreiben bedeutet, eine Geschichte mit fiktiven Figuren zu erzählen. Dazu müssen wir uns in unsere Erzählfiguren hineinversetzen. Wie würde sich eine Person in der konkreten Situation verhalten? Welche Gefühle und Gedanken würden sie bewegen?

Aufgabe

1. Teil: Blick aus dem Fenster

Nimm die Perspektive einer 3. Person ein, die sich von dir als Autor*in unterscheidet.

  • Schaue aus dem Fenster und betrachte den ersten Gegenstand, den du siehst (z. B. Baum, Straßenlaterne, Haus gegenüber, Briefkasten etc.). Beschreibe diesen Gegenstand in kurzen, präzisen Sätzen.
  • Lass daraus eine kurze Geschichte in der Er-/Sie-Form entstehen. Beschreibe, wie eine Person in einem Zimmer sitzt oder am Fenster steht und durch das Fenster hinausschaut und einen Gegenstand betrachtet.
  • Versuche, möglichst sinnliche Bilder für deine Beschreibung zu finden, die die innere Stimmung des Protagonisten wiederspiegeln.

2. Teil: Landschaftsüberblick

Statt aus dem Fenster zu schauen, kannst du auch einen zufälligen Ort auf einer Landkarte auswählen.

  • Stell dir vor, was du von diesem Ort bzw. Standpunkt aus sehen würdest. Wie sehen die Landschaft und die Umgebung aus? Welche Gebäude, Bäume, Pflanzen, stehen dort? Wie sieht das Gelände aus (Naturlandschaft, Straßen, Häuser, Geschäfte …)? Siehst du in der Umgebung Menschen, Tiere? Womit sind sie beschäftigt?
  • Notiere deine Gedanken und Beschreibungen.
  • Lass daraus eine kurze Geschichte in der Er-/Sie-Form entstehen (wie oben).

3. Teil: Auf die Perspektive kommt es an

Versetze dich nun in die Position des Gegenstandes, den du betrachtet hast und erzähle die Geschichte aus der Sicht dieses Gegenstandes. Was nimmt er/sie wahr? Was geschieht aus seiner/ihrer Perspektive?

Zum Beispiel:

  • Der Baum streckt seine Äste zu deinem Fenster aus.
  • Ein Eichhörnchen hüpft über die Zweige und Äste des Baumes.
  • Der Briefkasten klappert; Post für die Person, die in dem Haus wohnt.
  • Etc.

Ziel

Diese Aufgaben sollen dich dabei unterstützen, einen anderen Standpunkt, eine andere Sichtweise anzunehmen. Beim literarischen Schreiben müssen wir die Perspektive der Erzählfigur einnehmen. Die Figur muss sich von mir als Autor*in unterscheiden. Ansonsten würde ich einen Bericht schreiben oder eine autobiografische Erzählung. Je nachdem, welche Sichtweise (Perspektive) du beim Erzählen einnimmst, kann die Wirkung auf die Leser*innen ganz verschieden sein.

Allgemein, kreatives Schreiben

Schreibübung 7: Plotten

Inhalt

Jede Erzählung mit einer dramatischen Struktur lebt von den Handlungen der Protagonisten. Wir müssen also eine Handlungslinie entwerfen (plotten), anhand derer sich die Handlung nach und nach entwickelt. Die Handlungslinie ist eine Szenenfolge, in der die Reihenfolge der Ereignisse festgelegt wird und in der die einzelnen Handlungselemente logisch miteinander verknüpft werden. Wir müssen eine Ursachenkette herstellen, bei der sich die eine Handlung zwagsläufig aus der anderen ergibt.

Aufgabe

1. Aufgabe: Handlungslinie

Ausgangspunkt ist die folgende Szene:

Eine junge Frau fährt mit dem Zug in die Stadt.
Sie sitzt am Fenster und liest.
Am nächsten Bahnsteig kommen neue Reisende in den Wagen.
Ein Mann Anfang 30 setzt sich der jungen Frau gegenüber.

Wie geht es weiter?

  • Entwickle eine Handlungslinie, in der sich jeder einzelne Handlungsschrit jeweils aus dem vorhergehenden ergibt, so dass eine Handlungskette entsteht.
  • Frage dich bei jedem Handlungsschritt: „Und was geschieht nun?“
  • Stelle dir die Bewegungen, Schritte und Handlungen vor und achte darauf, dass sie stimmig sind.
  • Skizziere eine Konfliktsituation, in die die junge Frau als Protagonistin gerät.

2. Aufgabe: Motivation

Entwickle nun den inneren Konflikt der Protagonistin.

  • Was ist ihre Motivation? Was sind die Beweggründe für ihr Handeln?
  • Welche Charaktereigenschaften hat sie?
  • Was treibt sie an? Was will sie erreichen?
  • Wie würdest du dich in der konkreten Sitiuation verhalten?
  • Wie kann sie den Konflikt lösen?

Ziel

Diese beiden Übungen sollen dir bewusst machen, dass es für eine Erzählung mit einer dramatischen Struktur nicht ausreicht, lediglich eine Handlungsabfolge zu schildern. Der äußere Konflikt muss mit dem inneren Konflikt der Hauptfigur übereinstimmen. Nur so kann es dir gelingen, die Erzählung authentisch, stimmig und lebhaft zu gestalten.
Lies hierzu auch den Beitrag: Die dramatische Struktur.

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Allgemein, kreatives Schreiben

Inspiration und literarisches Schreiben

Das literarische Schreiben lebt von der Inspiration, also von der geistigen Eingebung, einem unerwarteten Einfall als Ausgangspunkt für die kreative Schöpfungskraft.
Doch wo bekommen wir die Ideen her?

Die Quelle der Inspiration

Die Quelle der Inspiration liegt in uns selbst. Wir tragen einen Erfahrungsschatz aus implizitem (stillem) Wissen in uns, aus dem wir schöpfen können. Kreative Gedanken entstehen aus Dingen, die wir erlebt haben, Informationen, die wir gehört, gelesen, gesehen, gefühlt und scheinbar wieder vergessen haben, die aber in unserer Erinnerungskiste abgelegt und zu unserem unbewussten Gedächtnis geworden sind.
Wir können uns diese inneren Schätze nur wieder zugänglich machen, indem wir gerade nicht – wie wir es häufig gewohnt sind – zielgerichtet und bewusst denken. Denn dann folgen wir nur unseren alten Denkmustern und können keine neuen Wege betreten.
Was wir brauchen ist Begeisterung für neue Ideen und Einsichten!
Doch wie kann es uns gelingen, an diesen verborgenen Erfahrungsschatz zu gelangen und die schöpferische Kraft zu nutzen? Das Wissen steckt in unserem Können!

Bildhafte Vorstellung vs. verkopftes Denken

Wir müssen unsere bildhafte Vorstellungskraft nutzen, denn die Bilder existierten lange, bevor es die Sprache gab und die Sprache entstand und entsteht aus Bildern.
Die bildhafte Vorstellung steht im Gegensatz zum verkopften Denken, bei dem wir versuchen, zielgerichtet und bewusst etwas zu errichten, herzustellen oder zu konstruieren. Die Literaturwissenschaften und ihr folgend die neuzeitliche deutschsprachige Literatur basieren auf diesem verkopften Denken. Daher werden von der Fachwelt häufig nur solche Romane als literarisch wertvoll und hochwertig angesehen, die vom Verstandesdenken getragen sind, die unbewusste schöpferische Energie aber nicht zulassen, so dass sie die Leser/innen nicht ansprechen oder berühren.
Als Beispiel möchte ich hier den vielfach gelobten Roman „Kraft“ von Jonas Lüscher nennen, der ein intellektuelles philosophisches Thema zum Gegenstand hat und mit Problemen des Neoliberalismus verbindet, dessen Figuren aber flach und leblos wirken und deren Handlungen nicht nachvollziehbar sind.
Hingegen können Romane, die sich mit alltäglichen Geschehnissen und persönlichen Konflikten befassen, durchaus menschlich bedeutsame Lebensfragen, philosophisch tiefgreifende Gedanken und psychologische Erkenntnisse beinhalten und müssen keineswegs oberflächlich und unbedeutend sein. Auch hier möchte ich ein Beispiel einfügen: „Aus der Welt“ von Douglas Kennedy, in dem die Lebensgeschichte einer intelligenten, selbstständigen Frau erzählt wird, die tief verletzt in eine Depression gerät und wieder den Weg zurück ins Leben findet. Dieser Roman ist bewegend und regt zum Nachdenken über die Lebensgestaltung moderner Frauen in der heutigen Zeit an.
Wichtig für das literarische Schreiben ist daher, dass wir die Bilder und Empfindungen, die wir in uns selbst hervorrufen, so in Worte fassen, dass sie für unsere Leser/innen nachvollziehbar, nacherlebbar werden.

Methoden zur Anregung der Schöpfungskraft

Es gibt viele Methoden, Ideen zu erwecken und den Schreibfluss in Gang zu bringen.
Die Schreibübungen, die wir auf dieser Website vorstellen, sind eine von vielen Möglichkeiten. Sie regen das bildhafte Denken und die Vorstellungskraft an.
Und vor allem kommt es darauf an zu schreiben, schreiben, schreiben!
Ansonsten hat jede/r Künstler/in und jede Autorin, jeder Autor ihre/seine eigene Art, den Schaffensprozess zu fördern. Die nachfolgenden Techniken können daher nur Vorschläge und Anregungen sein, aber kein Patentrezept enthalten, das für alle gleichermaßen wirksam ist.

Notieren

Schreibe regelmäßig, notiere und skizziere!
Führe ein Tagebuch und/oder trage immer ein Notizbuch bei dir.
Notiere, was dir gerade an Gedanken in den Kopf kommt, beobachte die Menschen und die Umgebung um dich herum und schreibe auf, was du siehst und sonst noch wahrnimmst. Fertige Skizzen an von Szenen und Ereignissen, die du im Alltag erlebst.
Lege das Notizbuch auch neben dein Bett, denn die Zeit kurz vor und nach dem Einschlafen bringt häufig unbewusste Gedanken und Ideen hervor.

Zeit und Stille

Nutze die Zeit und die Stille, in der du nichts tust.
Lasse die Gedanken fließen, ohne an etwas Bestimmtes zu denken.
Höre auf das Ticken einer Uhr, schaue in die Flamme einer Kerze oder lausche auf das Tropfen des Regens an deinem Fenster…
Erlaube dir Wachträume.
Oder bleibe morgens ein paar Minuten länger im Bett liegen und hänge deinen Nachtträumen und/oder deinen Gedanken nach.

Anregende Orte und Tätigkeiten

Suche anregende Orte auf und probiere neue Tätigkeiten aus.
Erkunde deinen Wohnort, als wärst du zu Besuch oder ein/e Tourist/in.
Fahre mit dem Zug und schaue auf die Landschaft.
Setze dich in ein Café und beobachte die Menschen und die Umgebung.
Mache Ausflüge in die Natur, wandere durch den Wald oder Park, setz dich an den Strand oder an das Ufer eines Flusses.
Gehe ins Museum oder in eine Ausstellung.
Höre Musik und gehe in ein Konzert.

Anregende Mittel

Genussmittel in Maßen sind erlaubt.
Vor allem eine Tasse Tee oder Kaffee kann die Kreativität und den Gedankenfluss anregen. Ebenso Schokolade.
Doch vermeide Alkohol, weil er die Gedanken benebelt.

Rituale

Entdecke deine eigenen Rituale.
Räume deinen Schreibtisch auf, spitze deinen Bleistift, koche dir eine Tasse Tee, höre die Musik, die dich zum Schreiben anregt,  bevor du mit dem Schreiben beginnst.
Oder, oder, oder…

 

 

 

 

 

 

 

Allgemein, kreatives Schreiben

Schreiben, schreiben, schreiben!

Literarisches Schreiben ist eine Form der visuellen Kunst, Ausdruck unserer inneren Bilder und Gestaltung der Sprache. Wie bei jeder anderen Kunstform, etwa Malerei, Musik oder Tanz, sind Talent und Schöpfungskraft unverzichtbar. Vor allem aber müssen wir das Handwerk des Schreibens erlernen und anwenden. Die einzige Art, das literarische Schreiben zu erlernen ist das Schreiben.

Es gibt keinen anderen Weg!

Musiker/innen benötigen viele Jahre des Übens, bis sie ihr Instrument spielen und Musikstücke vorführen und interpretieren können. Auch als Autor/in brauchst du diese Zeit, bis du deine Ausdrucksweise, deine eigene Art, Geschichten zu erzählen, gefunden hast und deine Erzählsprache beherrschst. Es reicht nicht aus, dass du beschließt, einen Roman zu schreiben, nur weil du gerne Fantasy, historische Romane oder Krimis / Thriller liest, dich hinsetzt und einfach drauf los schreibst. Ebenso wie ein/e Musiker/in musst du üben, üben, üben. Auch eine Fantasy-Geschichte muss hinsichtlich Figuren, Ort, Zeit und Handlung stimmig sein, ein historischer Roman muss gut recherchiert und in der dieser Zeit angemessenen Sprache geschrieben sein und ein Krimi / Thriller muss gut konstruiert und glaubwürdig sein. Um dies zu erreichen, musst du schreiben, schreiben, schreiben!

Unser Schreibgerät ist unser Werkzeug und unser Instrument.

Durch den Stift oder die Tastatur übertragen wir unsere Gedanken, Ideen, Bilder, Empfindungen auf das Papier. Du musst nicht Literatur- oder Sprachwissenschaften studiert haben, um selbst literarische Fiktion schreiben zu können. Ein solches Studium vermittelt, wie literarische Texte interpretiert werden, hat also eine analytische Herangehensweise. Das literarische Schreiben aber ist ein produktionsorientierter Umgang mit Literatur. Das Lesen und Analysieren von Texten kann uns jedoch helfen, unseren Wortschatz zu erweitern und unseren Sprachstil zu schulen.

Das literarische Schreiben ist ein immer währender Prozess.

Wir können unseren Schreibfluss fördern, indem wir die Quelle unserer Fantasie anzapfen, unsere Schöpfungskraft. Dies geschieht am besten durch Schreibübungen, wie wir sie auf dieser Website anbieten. Es sind kleine Lockerungs- oder Fingerübungen, bei denen es darum geht, alles niederzuschreiben, was uns gerade zu einem bestimmten Thema in den Sinn kommt, die Worte assoziativ fließen zu lassen, ohne zu lange zu überlegen, zu hinterfragen, zu kritisieren und zu blockieren.
Wenn wir auf diese Weise unseren Schreibfluss in Gang gesetzt haben, können wir mit der eigentlichen Arbeit des literarischen Schreibens und der Sprachgestaltung sowie mit der Konstruktion und Komposition unserer Geschichten beginnen.