Allgemein, kreatives Schreiben

Abreise

Der Kreis schließt sich.

Ich beende meine Reise so,
wie ich sie begonnen habe,
gehe nochmals alle Wege entlang,
die ich beschritten habe, als ich hier ankam.

Wo einst Neugierde und Vorfreude mich geleiteten,
ein Gefühl der Fremdheit
und der Wunsch, Neues und Unbekanntes zu erkunden,
ist nun Wiedererkennen und Vertrautheit,
bin ich erfüllt von Wehmut und Abschied.

Ich habe den Norden erträumt,
habe Geschichten über ihn erfunden
und werde ihn schließlich meiden.

Ich verlasse diesen Ort, verlasse den Norden.
Ich nehme die Bilder mit,
die Eindrücke, die sich tief in meinen Geist geprägt haben.

Weite, Einsamkeit und Freiheit habe ich gefunden.
Offenheit und Gelöstheit.

Ich beende meine Reise dort,
wo ich sie begonnen habe.
Ich fahre hinaus aufs offene Meer.

 

Allgemein, kreatives Schreiben

Hitzewelle in Oslo

Über 30 Grad in Oslo.
Ein unglaublich heißer Frühsommer,
der heißeste Mai seit Menschengedenken in Südnorwegen.

Klarer dunkelblauer Himmel,
reine leichte Luft,
reich und gehaltvoll,
und doch dünn und durchdringlich.

Die Sonne stark und kraftvoll.

Blau der Himmel und das Meer.
Weiß das schäumende, aufspritzende Wasser im Oslofjord.
Rot von Sonne, Wind und Wasser unsere Nasen, Gesichter und Nacken.

Anders als zu Hause,
wo der Himmel diesig und fast gelb ist,
drückend und schwer wie eine Dunstglocke über der Stadt liegt,
stickig und verbraucht,
dicke Luft, undurchdringlich.

Oslo, die Stadt voller Gegensätze,
zwischen Meer und Gebirge gelegen.
Tor zum Norden.

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Allgemein, kreatives Schreiben

Bergen – Take your own time!

Bergen, das Tor zu den norwegischen Fjorden,
am Meer gelegen,
von sieben Bergen umgeben,
in den Hang gebaut,
heimelige Hafen- und Fischerstadt,
aber überquellend von Touristen.

„Take your own time“

… sagt ein junger Wikinger zu mir, der gerne in die einsamen Berge fährt, wandert, Fische fängt und in einer Hütte übernachtet.
Bergen und seine Umgebung zu erkunden, bedeutet, sich auf Touristen-Routen zu bewegen. Nur so kannst du zu Fuß zu den wundervollen, zauberhaften Orten gelangen, die es sich lohnt anzuschauen. Das ist in Ordnung, „just take your own time“.

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Fløyen

… atemberaubender Panoramablick über Bergen.
Eine andere Perspektive,
eine andere Wahrnehmung.
Nicht eingeschlossen in den engen Schluchten der Fjorde,
sondern hoch erhaben über der Stadt.
Du blickst in die Ferne und erkennst die Weite,
die sich unter und vor dir ausdehnt.

Ein paar Schritte in den Wald hinein und Ruhe umgibt dich.
Atme tief den würzigen Duft der Kiefern ein,
gehe zügig und gleichmäßig, den Blick aufgerichtet,
finde deinen eigenen Rhythmus, deine eigene Geschwindigkeit.
Betrachte wach und aufmerksam deine Umgebung.
Nimm die Natur, ihre Bilder, ihre Gerüche, ihre Geräusche in dich auf,
sauge sie durch jede Pore deines Körpers auf,
bis dein Körper und deine Sinne nur noch ein einziges Entzücken sind.

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[…] it is far more glorious to carve and paint the very atmosphere and medium through which we look, which morally we can do. To affect the quality of the day, that is the highest of arts.“

Henry David Thoureau, Walden

 

 

 

Allgemein, kreatives Schreiben

Flåmbana

… die steilste Gebirgsbahn auf Normalspur in Europa.
Sie führt von Flåm nach Myrdal und überwindet dabei einen Höhenunterschied von
864 Metern auf einer Strecke von 20,2 Kilometern.

In der Bergenge

Als wir aus der Bergenge,
der gewaltigen Berekvamsschlucht, herausfahren,
öffnet sich das Gebirge vor uns,
aber es lässt uns nicht frei.

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We are spiralling …

Wir bewegen uns in Spiralen,
taumeln, fallen, purzeln den Abgrund entlang
und sind doch mit dem Erdboden verbunden.

Der Zug bohrt sich in den Felsen ein,
wir schrauben uns in Kreiseln durch den Berg,
und jedes Mal eröffnet sich ein neuer atemberaubender Ausblick,
wenn wir wieder auftauchen.

Auf der gegenüberliegenden Gebirgswand
erkennen wir das Labyrinth der Zugstrecke,
die wir soeben befahren haben.
Der Weg kehrt sich erneut,
verwirrt folgen unsere Körper den Kehrtwendungen,
schwirren die Spiralen um uns,
Spiralling …

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Fallendes Wasser Kjosfossen

Ein mächtiger Wasserfall lockt uns mit seinem Getöse,
über feuchtem, glitschigen Boden nähern wir uns,
der Wind stößt Fahnen von aufwirbelndem Wasser empor,
wir gleiten in den Sprühnebel und Frische umgibt uns,
setzt sich in unseren Haaren fest und nimmt uns den Atem.

Brausendes Wasser, Schaumkronen, Sprudel, Fontänen,
weiß, wild und wirbelnd.
Die Sonne im Rücken, vor der Felswand ein Regenbogen.

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Vatnahalsen

Letzter Halt vor Myrdal.
Eisfelder und Eisseen.
Unheimliche, verzauberte Welt.
Unbewohnt und unwirtlich.

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Allgemein, kreatives Schreiben

Nærøyfjord

… der schmalste Fjord Norwegens.
Die schönste Fjordlandschaft der Welt.
Von der UNESCO zum Weltnaturerbe ernannt.

Der Weg zum Nærøyfjord

DSC06711Stalheimskleiva

Wir überqueren den Bergrücken und blicken in das Tal hinunter, das sich wie ein Trichter vor uns öffnet. Die engen Serpentinen der Stalheimskleiva führen uns unweigerlich hinab auf den Grund und wir werden entlang des Wildflusses zu der Mündung des Trichters hingezogen, Gudvangen, der Einstiegspunkt für die beeindruckende Fahrt über den Nærøyfjord.

DSC06718Gudvangen

Die Stille über dem Fjord

Erhaben und mächtig ragen die Bergwände mehrere hundert Meter aus dem Wasser empor. Die senkrechten, steil abfallenden Täler aus Felsen lassen nur einen schmalen Durchgang zu, den wir in unserem Boot passieren, wir strömen darauf zu, werden durch die enge Öffnung gezogen.

Tiefes, dunkles Wasser. Die Schlucht unter uns, unterhalb der Wasseroberfläche, noch tiefer als die Berggipfel über uns.

Licht und Schatten wechseln sich ab.

Wir tauchen ein in das dunkle Grün, den finsteren Schatten, gleiten an kargen grauen Felsen vorbei, durchqueren die Enge und kommen befreit hervor. Vor uns öffnet sich die Weite, dehnt sich aus, umspielt uns mit Wind in den Haaren und dem Ruf der Huldra, einem weiblichen Naturgeist.

DSC06733Nærøyfjord

Wir werden davongetragen, gleiten majestätisch dahin.
Jegliche Hektik, Aufgeregtheit, fällt von uns ab.
Wir schauen und staunen, lassen uns treiben.
Wir nehmen die Bilder in uns auf.
Zeit und Raum erhalten eine andere Bedeutung,
werden zu einer anderen Dimension.

Der Nærøyfjord strömt kaum merklich mit uns dahin.

Zwei Fjorde vereinen sich.

Grüne Waldhänge,
reißende Wasserfälle.
Verfallene Häuser, in denen kein Mensch mehr wohnt.
Felseinschnitte geben den Blick frei auf vereiste Berggipfel, die kein Mensch je betritt.

Schließlich erreichen wir die Begrenzung des Fjords.
Sackgasse, Endstation am Fuße des Gebirges.
Wir sind in Flåm angekommen.

DSC06769Flåm

 

 

Allgemein, kreatives Schreiben

Hardangervidda

… der größte Nationalpark Norwegens,
die weitflächigste Hochebene Europas.

Wilde, unwegsame Landschaft,
von der Eiszeit geformt,
urtümlich, ungezähmt,
weite Ebenen, sanfte Berggipfel,
rauhe Felsen, die sich aus den Fjorden erheben,
Wildwasser und Wasserfälle,
die sich in den Gletscherkessel stürzen.

Habitat für Schafe, Rentiere, Polarfüchse und Schneeeulen
und hunderte von Pflanzenarten.

Die Weite habe ich gesucht,
die Weite habe ich gefunden.

Aber ich bin nicht alleine.

Ich bin eines von unzählig vielen menschlichen Wesen, die wie Ameisen auf dieses Plateau krabbeln, sich auf Booten über den Fjord schiffern und in Bussen über die felsigen Haarnadelkurven am Abgrund entlang transportieren lassen, um dann das Wunderwerk der Natur zu bestaunen und sich der eigenen Unbedeutendheit und der eigenen arroganten Überheblichkeit bewusst zu werden.

Doch ich versuche, dieses Land nicht zu vereinnahmen und seine Weite und seine Ursprünglichkeit nicht für mich in Anspruch zu nehmen.
Ich befahre dieses Land nicht mit meinem Wohnmobil und in dem Gefühl, dass ich dort hineingehöre, dass ich ein angestammtes Recht habe, dort zu zelten und zu fischen und meine Duftmarke zu hinterlassen. Ich trage keine Pullover mit der Aufschrift „Norway“ und auf denen die norwegische Flagge als Markenzeichen abgebildet ist.

Ich möchte dieses Land und seine Einwohner respektieren und schätzen.
Ich lasse die Bilder auf mich wirken, auch wenn ich den Augenblick einfangen und festhalten möchte.
Ich versuche zu verstehen, wie diese eigenartige Landschaft entstanden ist,
welche Kräfte auf Stein, Felsen, Erde und Sand eingewirkt haben,
wie Eis und Wasser sich ihren Weg gebahnt, das Fjell abgeschliffen und das Gebirge geformt haben.
Ich versuche, die Dimensionen und ihre Bedeutung zu erfassen, auch wenn sie nicht begreifbar sind.

Ich wertschätze die Geduld und die Höflichkeit der norwegischen Menschen, die uns mit ihrem unendlichen Stolz ihr Land nahe bringen und uns seine Erdgeschichte vermitteln wollen.

Denn nur wer die Natur versteht, kann sie bewundern, so lautet die Botschaft im „Norsk Natursenter Hardangervidda“.

Wir sollten dankbar und demütig sein.