Allgemein, kreatives Schreiben

Die Figuren erzählen uns ihre Geschichte

Unsere Geschichten leben nicht ohne unsere Figuren. Durch die Motivation der Hauptfigur, durch ihre Wünsche und ihren inneren Antrieb werden die Handlungselemente erst zu einem sinnvollen Ganzen verknüpft (siehe hierzu den Beitrag Der kreative Prozess beim Schreiben).

Die Figur erzählt uns ihre Geschichte.

Die Hauptfigur lenkt und leitet die Geschichte. Ich verwende hier durchgängig den Begriff „Figur“, weil ich ihn für passender halte und für nicht so abstrakt und wissenschaftlich wie die aus der Literaturwissenschaft stamende Bezeichnung „Protagonist“.  Ein Protagonist verlangt immer nach einem Gegenspieler (Antagonist). Diese Denkweise entspricht dem Schema der dramatischen Struktur, das nicht für alle literarischen Texte gleichermaßen angewendet werden kann (Siehe hierzu auch den Beitrag Originelles schöpferisches Schreiben). Die Figur im literarischen Schreiben aber ist ein künstlerisches Produkt,  wir erschaffen sie durch unsere bildhafte Vorstellungskraft und durch unser Schreiben, gestalten sie durch unser künstlerisches Handwerk. Die Figur meiner Geschichte ist etwas, was ich selbst erschaffen kann, so wie eine Bildhauerin eine Skulptur.

Daher ist meiner Ansicht nach auch der Begriff des „character“, wie er häufig beim Creative Writing im englischsprachigen Raum zu finden ist, nicht treffend. Zwar muss meine Figur bestimmte Eigenschaften, Merkmale und Charaktereigenschaften haben; aber ich bin keine Psychologin, sondern nur Schöpferin, und die Beurteilung der charakterlichen Eigenschaften meiner Figur überlasse ich den Leserinnen und Lesern.

Liebe deine Figuren!

Wichtig ist, dass wir einen persönlichen Zugang zu unseren Figuren haben, dass wir ihnen Leben einhauchen und uns in sie hineinversetzen. Wir müssen unseren Figuren zuhören und mit ihnen reden, einen inneren Dialog halten, überlegen, wie wir oder eine andere Person in derselben Situation sich verhalten würde, was unsere Figur denken und fühlen würde. Nur so können wir unsere Figuren auch für unsere Leserinnen und Leser nachvollziehbar gestalten.

Wenn wir unseren Figuren Konturen geben wollen, wenn sie authentisch und glaubhaft wirken sollen, dann müssen auch wir uns selbst als Schreibende mit den eigenen – hellen und dunklen – Seiten unserer Persönlichkeit beschäftigen. Wir müssen die verschiedenen Facetten betrachten, Erinnerungen, Erfahrungen und Empfindungen erwecken und hervorrufen. Nur wenn wir diese an und in uns selbst wahrnehmen, können wir auch tiefgründige – nicht nur schematische und flache – Figuren schaffen. Jeder Mensch ist nicht nur gut oder böse, stark oder schwach, ernsthaft oder humorvoll, vernunftbetont oder emotional. Die meisten Menschen tragen von beiden Seiten – Licht und Schatten – etwas in sich. Dies gilt es hervorzurufen.

Nichts ist langweiliger, als klischeehafte Figuren, bei denen sich der Autor / die Autorin nicht die Mühe gemacht hat, in sie einzudringen, zu ihnen vorzudringen und sie uns letztlich nahe zu bringen.

 

Allgemein, kreatives Schreiben

Schreibübung 9: Variationen

Inhalt

Beim literarischen Schreiben müssen wir unsere Texte nicht zwangsläufig immer in einer der dramatischen Struktur (Anfang – Mitte – Ende) aufbauen. Es gibt andere Gestaltungsmöglichkeiten: Episoden, Mosaike, Collagen, Kürzestgeschichten, Kurzprosa, Haikus sowie künstlerische Gesamtwerke. Lies hierzu auch den Beitrag „Originelles schöpferisches Schreiben„.

Aufgabe

  • Schau dir das unten stehende Bild genau an.
  • Überlege dir zu diesem Bild ein Thema oder einen Oberbegriff.
  • Schreibe zu diesem Thema / Oberbegriff eine Reihe von eigenständigen Texten.
  • Probiere dabei verschiedene Variationen derselben Geschichte aus.
  • Verwende auch unterschiedliche Textelemente (Erzählung, Bericht, Charakterisierung, Ortsbeschreibung, Dialog, Kürzestgeschichte, Gedicht etc.).
  • Jeder einzelne Text soll zum Thema beitragen. Es soll ein Gesamtwerk entstehen, in dem jedes Element das Werk erweitert und um Details anreichert.
  • Die durchgehende Struktur wird durch das Thema gebildet, nicht durch den Handlungsablauf.

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Ziel

Das originelle schöpferische Schreiben hilft uns, unseren persönlichen Schreibstil zu entwickeln und unseren künstlerischen Ausdruck zu finden. Unser literarisches Schreiben wird dadurch kunstfertiger. In dem wir verschiedene Gestaltungsformen anwenden, können zeitliche und inhaltliche Lücken im Text entstehen, Verdichtungen, die die Leser/innen selbst mit ihrer Fantasie schließen können.
Es gibt viele verschiedene Möglichkeiten, die eigene Ausdrucksform zu finden. Seid kreativ und probiert es aus! Doch achtet immer darauf, dass ihr – egal welche Ausdrucksform ihr wählt – eure Texte eine Prämisse bzw. eine Aussage haben sollten, die ihr den Lesern mitteilt und vorhaltet. Denn nur so könnt ihr das Interesse der Leser/innen wecken und aufrecht erhalten.

Als Anregung kann euch das Buch „Mosaik aus Licht“ dienen: Es besteht aus Erzählungen, Geschichten, Gedichten, Haikus und Fotos mehrerer Autoren. Durch das Gesamtwerk kommt die Vielfältigkeit der verschiedenen Ausdrucksformen innerhalb einer literarischen Schreibgruppe zum Ausdruck. Jede Autorin hat ihre eigene Vorstellung und Herangehensweise an das gemeinsame Thema, den Überbegriff Licht.

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Das Buch „Mosaik aus Licht“ könnt ihr bei Interesse über unser Kontaktformular erwerben.

 

Allgemein, kreatives Schreiben

Originelles schöpferisches Schreiben

In Beiträgen und Kursen zum kreativen Schreiben wird den Schreibenden vermittelt, dass sie sich streng an den Aufbau Anfang – Mitte – Ende halten sollen und dass ihre Geschichte einen Protagonisten (zentrale Gestalt) haben muss, dem sich ein Antagonist (Widersacher) in den Weg stellt. Auch die Erzähltheorie geht von dieser klassischen dramatischen Struktur aus. Doch ist diese Art des Schreibens nicht für alle Autoren geeignet, da sie stark handlungsorientiert ist.

Es entsteht der Eindruck, die dramatische Struktur wäre die einzige richtige Form und wenn man sich daran hielte und sie schematisch als Handwerkszeug anwende, dann könne jede/r ein Buch schreiben. Und so überfluten auch Massen an Krimis und Thrillern und Fantasy-Geschichten der Creative Writing Szene den Selfpublisher Markt.

Doch literarisches Schreiben ist ein Ausdruck der Persönlichkeit und jede Autorin und jeder Autor muss ihren/seinen eigenen Schreibstil entwickeln, um gelesen, gehört, erkannt und verstanden zu werden.

Experimentelle Struktur vs. dramatische Struktur

Literarisches Schreiben besteht nicht nur aus Schreibstil („Erzählstimme“), Plot, Prämisse und dramatischem Aufbau. Von wesentlicher Bedeutung ist der kreative Schaffensprozess als solcher. Hierzu gehört auch, die richtige Form für das zu finden, was wir ausdrücken wollen. Nicht jede/r möchte einen Liebesroman, historischen Roman, Krimi oder Thriller schreiben. Es gibt auch andere literarische Formen, die ebenso wichtig sind und vielfältige künstlerische Gestaltungsmöglichkeiten bieten.

Im Gegensatz zur dramatischen Struktur werden diese Gestaltungsmöglichkeiten als experimentelle Strukturen bezeichnet. Ich verwende stattdessen den Begriff des originellen schöpferischen Schreibens, weil jede Form des literarischen Schreibens künstlerischer Ausdruck ist und nicht bloßes Ausprobieren. Auch experimentelle Strukturen haben ihre Daseinsberechtigung.

Unter dem Begriff des originellen schöpferischen Schreibens verstehe ich Episoden, Mosaike, Collagen, Kürzestgeschichten, Kurzprosa, Haikus sowie künstlerische Gesamtwerke.

Episoden

Episoden sind kurze Geschichten, die eigenständig für sich stehen können, die aber so zusammengefügt werden können, dass sie abgeschlossene Kapitel eines Gesamtwerks ergeben, etwa eines Romans. Auf dieser Website werden die Geschichten über Madame Pipanelle in Episoden erzählt. Weiteres Beispiel sind die in Episodenform verfassten Romane von Elizabeth Strout. Die Geschichten werden dadurch miteinander verbunden, dass die Personen der einzelnen Episoden in einem Bezug zueinander stehen. Auch Kürzestgeschichten können zu einem Gesamtwerk zusammengestellt werden.

Mosaik

Bei einem Mosaik werden selbstständige Texte zu einem übergeordneten Thema zusammengestellt. Jeder einzelne Text trägt zu einem Gesamtbild bei. Beispiel ist der Roman „Lempi“ von Minna Rytisalo, der aus drei selbstständigen Teilen besteht. Aus unterschiedlichen Perspektiven wird die Figur der Lempi aus der Wahrnehmung der jeweiligen Erzählperson beschrieben, bis schließlich ein Gesamtbild der Protagonistin entsteht, ohne dass diese selbst in der Geschichte auftaucht. Sie bleibt nur schemenhaft.

Collage

Auch bei einer Collage werden mehrere heterogene, also unterschiedliche Elemente zu einem Gesamtwerk zusammengefügt. Wir können unsere Texte auch mit anderen Medien zu einem Gesamtkunstwerk verbinden – mit Fotos, Musik, Videos, Zeichnungen, Grafiken etc.

Das Buch „Mosaik aus Licht“ besteht aus Erzählungen, Geschichten, Gedichten, Haikus und Fotos mehrerer Autoren. Man könnte diese Sammlung daher als Collage bezeichnen. Doch wir haben es als Mosaik bezeichnet, weil wir mit dieser Form die Vielfältigkeit innerhalb einer Schreibgruppe veranschaulichen wollten. Jede Autorin hat ihre eigene Vorstellung und Herangehensweise an das gemeinsame Thema, den Überbegriff Licht.

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Schreibübung 8: Der Anfang

Inhalt

Eine geeignete Methode für den Anfang einer Geschichte ist es, mit der Hauptfigur zu beginnen und diese die Geschichte erzählen zu lassen. Dazu müssen wir unseren Protagonisten in eine Szene setzen, die zugleich die Ausgangssituation für unsere Geschichte bildet. Diese Anfangsszene sollte so dicht wie möglich am Höhepunkt unserer Geschichte stehen. Sie soll das Interesse der Leser/innen wecken und Spannung erzeugen.

Aufgabe

1. Aufgabe: Anfänge lesen

Wähle drei Romane aus, die du bereits gelesen hast und die dir besonders gut gefallen haben. Nimm dir diese drei Bücher nochmals vor (aus deiner eigenen oder aus einer öffentlichen Bibliothek) und lies jeweils die ersten 3-5 Seiten.

Beobachte und notiere:

  • Welche Methode wählt der Autor / die Autorin jeweils für den Anfang seiner ihrer Geschichte?
  • Wie gelingt es dem Autor / der Autorin, dein Interesse an  zu wecken?
  • An welcher Stelle hast du das Gefühl, unbedingt weiterlesen zu wollen?

2. Aufgabe: Anfänge selber schreiben

Probiere nun aus, wie du selbst eine Geschichte anfangen würdest.

  • Skizziere kurz drei eigene Geschichten, indem du in wenigen Sätzen jeweils deren Anfang, Mitte (Höhepunkt) und Ende notierst.
  • Überlege dir jeweils eine Prämisse für die Geschichte!
  • Schreibe für jede skizzierte Geschichte einen Anfang (ein kurzer Absatz genügt!).
  • Probiere dabei verschiedene Methoden aus (Szene, Beschreibung, Charakterisierung deiner Hauptfigur).

Ziel

Das Ziel besteht darin, sich zu bewusst zu machen, dass der Anfang einer Geschichte zugleich schon das Ende in sich birgt.

Schärfe deine Aufmerksamkeit für die Erzählmethode und für die Gestaltung des Anfangs, indem du selber viel liest! Bewusstes Lesen bereichert und fördert den Wortschatz und den eigenen Erzählstil, entspannt und regt die Fantasie an und trägt zur Entwicklung der eigenen Persönlichkeit bei.

Bewusstes Lesen

 

Allgemein, kreatives Schreiben

Anfang – Mitte – Ende

Literarisches Schreiben ist eine Form der künstlerischen Darstellung. Wie bei jeder anderen Kunstgattung auch müssen wir beim literarischen Schreiben eine Vorstellung davon haben, was wir schaffen wollen. Die Ideen für eine Erzählung oder eine Geschichte finden wir in unserer kreativen Schatzkiste, unserer Quelle der Inspiration. Doch unsere kreative Schöpfungskraft können wir nur dann sinnvoll nutzen, wenn wir die Ideen, die wir aus unserem Erfahrungsschatz schöpfen, in eine Ordnung bringen. Bevor wir damit beginnen können, einen Text auszuformulieren, müssen wir also ein Konzept haben und eine Skizze für den Handlungsablauf erstellen.

Eine Geschichte muss sich entwickeln.

Doch wie ausführlich muss das Konzept sein?
Wie umfangreich und vollständig soll das Konstrukt werden, in das wir unsere kreativen Ideen setzen? Müssen wir alles sorgfältig planen und festlegen oder sollen wir einfach drauflos schreiben?

Eine vollkommen ausgearbeitete und durchkonstruierte Geschichte ist wie ein enges Korsett, in dem unsere Figuren sich nicht bewegen können und in dem sie hölzern und distanziert wirken. In einer konstruierten Geschichte muss es genügend Raum geben, damit sich  unsere kreativen Gedanken entfalten können. Das Konstrukt kann daher nur den Rahmen oder das Gerüst für unsere Erzählung bilden. Es gilt, „eine gute Mischung aus Intuition und Planung (zu) finden“ (Otto Kruse, Kunst und Technik des Erzählens). Unsere Figuren müssen eine Motivation für ihre Handlung haben und sie müssen im Laufe der Geschichte eine Wandlung erfahren. Deshalb sollte unser Konzept oder unsere Skizze lediglich den Anfang, die Mitte und das Ende des Handlungsablaufs enthalten (siehe hierzu den Beitrag Die dramatische Struktur). Unverzichtbar ist es, eine Prämisse zu haben, die den Antrieb für unsere Hauptfigur darstellt und aus der der Konflikt mit seinem Wendepunkt entsteht (siehe hierzu den Beitrag Die Essenz des literarischen Schreibens).

Der Anfang

Eine geeignete Methode für den Anfang einer Geschichte ist es, mit der Figur zu beginnen und diese die Geschichte erzählen zu lassen. Sol Stein (Die Kunst des Schreibens) empfiehlt, eine Szene an den Anfang zu stellen, die sich der Leser vorstellen kann und die so dicht wie möglich an ihrem Höhepunkt beginnt. Dazu müssen wir in der Fantasie unsere Figur auf eine Bühne stellen und sie wie in einem Theater oder auf der Leinwand beziehungsweise dem Bildschirm betrachten. Wie sieht diese Person aus? Was sind ihre Eigenarten? Was verbirgt sich hinter dieser Person? Welche Geschichte hat sie zu erzählen? Was treibt sie an?

Die Mitte

Wir schaffen eine Ausgangssituation, in der sich unsere Figur befindet und die den Einstieg für den Handlungsablauf darstellt. Dann wird der Protagonist durch einen bestimmten Umstand oder ein Geschehnis dazu veranlasst, aus der gewohnten Umgebung auszubrechen. Und die Handlung beginnt, unvermeidlich ihrem Höhepunkt zustrebend. Im Konflikt erfüllt sich schließlich die Prämisse, die wir vorangestellt haben.

Das Ende

Das Ende der Geschichte muss sich auf den Anfang beziehen. Denn dadurch, dass wir eine Prämisse formuliert haben, trägt der Anfang das Ende bereits in sich. Bei der Gestaltung müssen wir darauf achten: Wie wirkt der Anfang der Geschichte im Ende?
Wir runden unsere Geschichte ab, so dass sie zu einem stimmigen Ende führt.

 

Allgemein, kreatives Schreiben

Der kreative Prozess beim Schreiben

Literarisches Schreiben ist eine Form der visuellen Kunst. Und Kunst entsteht durch einen schöpferischen Akt. Schreiben ist ein immer währender kreativer Prozess, der das eigene Denken und die Sichtweise auf die Welt verändern kann.

Die Kunst ist eine Tochter der Freiheit.“
(Friedrich Schiller)

Deshalb betone ich in meinen Kursen zum literarischen Schreiben immer wieder, wie wichtig es ist, dass wir Zugang zu unseren kreativen Gedanken, Ideen, Schätzen finden und zu den subtileren und verborgenen Bereichen in unserem Wissen vordringen. Denn nur so können wir authentisch sein und eine Tiefe in unseren Geschichten erreichen, die auch andere Menschen anspricht und berührt.

Irrglauben und Missverständnisse über den Plot

Dennoch erlebe ich immer wieder, dass beim so genannten kreativen Schreiben der Fokus auf den Plot gelegt wird. Dabei ist vielen Schreibenden gar nicht klar, was genau unter dem Begriff des Plots zu verstehen ist. In der Literaturwissenschaft und der Erzähltheorie gibt es drei missverständliche Deutungsweisen:

  1. Der Plot wird häufig mit der Handlungslinie gleichgesetzt.
    Die Handlungslinie ist eine Kurzbeschreibung der Handlung einer Geschichte.
    Sie ist an der dramatischen Struktur ausgerichtet, also an dem Aufbau Ausgangslage – Konflikt – Lösung. Die Handlung wird anhand einer chronologischen Abfolge entwickelt.
  2. Der Plot wird mit der Prämisse gleichgesetzt.
    Die Prämisse ist die treibende Kraft der Geschichte, die den Autor durch die Handlung leitet und zu dem Konflikt und schließlich der Lösung zustrebt.
  3. Der Plot ist mehr als die Chronik von Ereignissen.
    Der Plot ist eine Kette von Zusammenhängen aus Ursachen und Wirkungen, die zwischen Handlung und Verhalten laufend ein Muster erzeugen („Warum geschieht etwas?“). Der Plot wirft eine Frage auf und der Handlungshöhepunkt beantwortet sie.
  4. Davon zu unterscheiden ist dann das Thema der Erzählung.
    Das Thema ist das, wovon die Geschichte handelt, das, was eine Erzählung behandelt. Man könnte auch sagen: Die Prämisse.

Egal, welcher Deutungsweise wir folgen, der Plot ist immer handlungsorientiert. Die Handlung einer Ezählung wird aber von ihren Figuren bzw. Charakteren gesteuert.
Also muss ich mich zunächst auf die Figuren konzentrieren!
Erst durch die Motivation der Hauptfigur, durch ihre Wünsche und durch ihren inneren Antrieb werden die einzelnen Handlungselemente, die wie Perlen auf einer Kette aneinander gereiht sind, zu einem zusammenhängenden Ganzen verknüpft, bei dem jedes Element der Geschichte folgerichtig auf dem vorangegangenen aufbaut.

Entdecke die musische Seite in dir!

Aber zurück zum kreativen Prozess des Schreibens:
Die Entwicklung des Plots gehört zum Komponieren und Konstruieren einer Geschichte. Hierzu ist logisches und systematisches Denken erforderlich, das Denken „mit dem Kopf“. Der Inhalt einer Erzählung aber sprudelt aus einer Quelle, die nicht dem vernunftbetonten Denken zuzuordnen ist, sondern dem ganzheitlichen Denken in Bildern, Farben und Melodien. Deshalb ist es wichtig, dass wir die musische Seite in uns entdecken. Dass wir in den Flow geraten, in den Schreibfluss, der uns mit seinen Wellen mitreißen kann, so dass die Worte und Sätze nur so aus uns heraussprudeln, der aber manchmal auch nur vor sich hin tröpfelt, so dass wir ihm jedes Wort abringen müssen.
Wir müssen uns diesem Flow hingeben und dürfen nichts erzwingen wollen.

 

Allgemein, kreatives Schreiben

Die Essenz des literarischen Schreibens

Soll ich ein Konzept für mein literarisches Schreibprojekt erstellen oder soll sich die Geschichte im Laufe des Schreibens aus sich selbst heraus entwickeln und erst dadurch Kontur erhalten?

Planen oder drauflos schreiben?

Wenn wir davon ausgehen, dass das literarische Schreiben ein Prozess ist, der in vier Phasen verläuft, für die wir unterschiedliche Schreibenergien benötigen (siehe hierzu den Beitrag Die 4 Phasen des Schreibens), dann stehen am Anfang die wilden und unausgegorenen Ideen von Mad(wo)man, dem verrückten, kreativen Geist, der Ideen generiert und der von der bildhaften Vorstellungskraft lebt. Aber irgendwann muss der Architect eingreifen und dem Ideenfluss eine Struktur verleihen. Denn sonst laufen wir Gefahr, mitten beim Schreiben die Orientierung zu verlieren. Das ist häufig der Grund dafür, dass Autoren ihre Schreibprojekte nicht fortführen und beenden: Sie schaffen es nicht, ihre Ideen zu verknüpfen und den Verlauf der Geschichte festzulegen. Irgendwann versanden die Ideen.

Die Prämisse – ein altes Missverständnis

Eine wichtige Strukturierungshilfe kann die so genannte Prämisse ein – ein Begriff aus der Erzähltheorie, der in Kursen zum kreativen Schreiben häufig gebraucht und blind wiederholt, aber nie zutreffend erklärt und erst recht nicht verstanden wird.

Die Prämisse ist die Essenz dessen, was eine Geschichte zu beweisen versucht.“
(Lajos Egri, The Art of Dramatic Writing, 1946/1960, S. 1)

Das Konzept der Prämisse hat Egri ursprünglich für die dramatische Struktur entwickelt, für das Schreiben von Theaterstücken. Jedem Drama müsse eine Prämisse zugrunde liegen, an der sich die Handlungsführung und die Entwicklung der Charaktere zu orientieren und sich unterzuordnen haben. Egri geht außerdem von einem strikten Aufbau aus, bestehend aus Anfang, Höhepunkt (Konflikt), Schluss (Lösung), durch den ein Spannungsbogen erzeugt werden soll. Doch ist dieses streng einzuhaltende schematische Vorgehen nicht für alle Formen des literarischen Schreibens geeignet, vor allem nicht für Romane und Kurzgeschichten. Denn nicht alle literarischen Werke folgen der Struktur eines typischen Hollywood-Spielfilms. Bei der Erzählmethode nach Egri besteht vielmehr die Gefahr, dass die Figuren zu klischeehaft gezeichnet werden und der Handlungsablauf mit seinem Konflikt zwischen Protagonist und Antagonist zu wenig Raum für die Entwicklung der Charaktere lässt.

Was ist mein Anliegen beim literarischen Schreiben?

Viele Schreibende haben daher Probleme mit der Prämisse, bedeutet sie doch, dass wir bereits vor (prä) Beginn des Schreibprozesses wissen sollen, wie die Aussage, die Botschaft unserer Erzählung lauten soll. Häufig wissen wir aber selbst noch nicht so genau, wohin unsere Geschichte laufen wird und fühlen uns durch eine strenge Vorgabe eingeschränkt. Vielen fällt es schwer, eine prägnante Formulierung oder Redewendung zu finden, wie „gebranntes Kind scheut das Feuer“ oder „der frühe Vogel fängt den Wurm“ o. ä. Zutreffender ist es deshalb, vom Anliegen oder von der Botschaft des literarischen Schreibens zu sprechen, von der Antriebskraft, die einer fiktiven Erzählung zugrunde liegt. Wichtig ist die Aussagekraft einer Geschichte. Was wollen wir unseren Leser/innen mitteilen, was von unserer Sichtweise über das Leben wollen wir ihnen vermitteln?

Was will ich mit meinem Schreiben bewirken? 

Wenn uns dies klar ist, haben wir ein Ziel, auf das wir hin schreiben können. Es ist hilfreich, wenn wir zu Beginn oder während des literarischen Schreibens unser Anliegen definieren. Unsere Aussage legt den Verlauf der fiktiven Geschichte fest und verhindert, dass wir uns selbst mit unseren kreativen Ideen aus den Augen verlieren. Die fiktive Geschichte wird in sich stimmig, ohne dass wir ständig den inneren Kritiker einschalten müssen, der kontrollieren will, ob wir das Konzept der dramatischen Struktur einhalten oder nicht. Die Geschichte entwickelt sich von selbst und wir haben den Freiraum, auch andere Formen des literarischen Schreibens auszuprobieren, Mosaikstrukturen, Collagen, Textexperimente Kürzestgeschichten etc.