Allgemein, kreatives Schreiben

Schreibübung 6: Flow

Inhalt

Der Zustand des Flow ist ein Zustand des Sich-Vertiefens und der intensiven Beschäftigung mit dem, was wir tun. Beim literarischen Schreiben ist dabei häufig häufig vom Schreibfluss die Rede. Damit ist der Zustand gemeint, in dem die Gedanken und Ideen, Worte und Sätze aus uns herausströmen. Aber der Schreibfluss ist nur ein Teil des kreativen Schreibprozesses. Auch dann, wenn die Ideen nur stockend fließen und wir nach Formulierungen ringen müssen, sind wir kreativ. Manchmal müssen die Gedanken auch ruhen. Deshalb verbiete ich mir den Ausdruck der Schreibblockade.
Durch Schreibübungen können wir den Gedankenfluss wieder ins Laufen bringen.

Aufgabe

Teil 1: Fünf-Minuten-Geschichte

Suche dir aus den folgenden Vorschlägen intuitiv und spontan ein Thema aus:

  • Schreibe eine Geschichte über ein Gemälde.
  • Schreibe eine Geschichte über ein Gebäude.
  • Schreibe eine Geschichte über Musik.
  • Schreibe eine Geschichte über eine Farbe.
  • Schreibe eine Geschichte über ein Geräusch.

Beginne sofort, die Geschichte zu schreiben.
Überlege nicht vorher, was dir zu dem Thema einfällt oder was für eine Geschichte du schreiben willst. Schreibe einfach drauf los!
Falls dir nichts einfallen sollte, schreibe: „Ich habe mir dieses Thema ausgesucht, weil…“ und schreibe dann alles auf, was dir in den Sinn kommt.

Nimm dir für deine Geschichte 5 Minuten Zeit. Nicht länger.
Du kannst die Geschichte später noch umschreiben, überarbeiten, fortsetzen… wie du möchtest.

Teil 2: Sich-Vertiefen

Schreibe 2 Wochen lang jeden Tag über dasselbe Thema.
Wähle entweder ein Thema aus der Liste oben aus.
Nimm dir diesmal so viel Zeit wie du möchtest für deinen Text, entscheide an jedem Tag neu. Lass dich von deiner Inspiration führen.

Ziel

Durch das spontane Schreiben regen wir unsere rechte Gehirnhälfte an, die für das ganzheitliche Denken in Bildern, Farben und Melodien zuständig ist, und schalten das vernunftbetonte „Kopfdenken“ aus. Dadurch wird die Kreativität gefördert. Durch das tägliche Schreiben über dasselbe Thema befreien wir unsvon inhaltsleeren, stereotypen Denkstrukturen, können neue Wege beschreiten und zu Bereichen subtileren Wissens vordringen. Dadurch werden unsere Texte authentisch und erlangen mehr Tiefe.

Allgemein, kreatives Schreiben

Der kreative Prozess beim Schreiben

 

Literarisches Schreiben ist eine Form der visuellen Kunst. Und Kunst entsteht durch einen schöpferischen Akt. Schreiben ist ein immer währender kreativer Prozess, der das eigene Denken und die Sichtweise auf die Welt verändern kann.

Die Kunst ist eine Tochter der Freiheit.“
(Friedrich Schiller)

Deshalb betone ich in meinen Kursen zum literarischen Schreiben immer wieder, wie wichtig es ist, dass wir Zugang zu unseren kreativen Gedanken, Ideen, Schätzen finden und zu den subtileren und verborgenen Bereichen in unserem Wissen vordringen. Denn nur so können wir authentisch sein und eine Tiefe in unseren Geschichten erreichen, die auch andere Menschen anspricht und berührt.

Irrglauben und Missverständnisse über den Plot

Dennoch erlebe ich immer wieder, dass beim so genannten kreativen Schreiben der Fokus auf den Plot gelegt wird. Dabei ist vielen Schreibenden gar nicht klar, was genau unter dem Begriff des Plots zu verstehen ist. In der Literaturwissenschaft und der Erzähltheorie gibt es drei missverständliche Deutungsweisen:

  1. Der Plot wird häufig mit der Handlungslinie gleichgesetzt.
    Die Handlungslinie ist eine Kurzbeschreibung der Handlung einer Geschichte.
    Sie ist an der dramatischen Struktur ausgerichtet, also an dem Aufbau Ausgangslage – Konflikt – Lösung. Die Handlung wird anhand einer chronologischen Abfolge entwickelt.
  2. Der Plot wird mit der Prämisse gleichgesetzt.
    Die Prämisse ist die treibende Kraft der Geschichte, die den Autor durch die Handlung leitet und zu dem Konflikt und schließlich der Lösung zustrebt.
  3. Der Plot ist mehr als die Chronik von Ereignissen.
    Der Plot ist eine Kette von Zusammenhängen aus Ursachen und Wirkungen, die zwischen Handlung und Verhalten laufend ein Muster erzeugen („Warum geschieht etwas?“). Der Plot wirft eine Frage auf und der Handlungshöhepunkt beantwortet sie.
  4. Davon zu unterscheiden ist dann das Thema der Erzählung.
    Das Thema ist das, wovon die Geschichte handelt, das, was eine Erzählung behandelt. Man könnte auch sagen: Die Prämisse.

Egal, welcher Deutungsweise wir folgen, der Plot ist immer handlungsorientiert. Die Handlung einer Ezählung wird aber von ihren Figuren bzw. Charakteren gesteuert.
Also muss ich mich zunächst auf die Figuren konzentrieren!
Erst durch die Motivation der Hauptfigur, durch ihre Wünsche und durch ihren inneren Antrieb werden die einzelnen Handlungselemente, die wie Perlen auf einer Kette aneinander gereiht sind, zu einem zusammenhängenden Ganzen verknüpft, bei dem jedes Element der Geschichte folgerichtig auf dem vorangegangenen aufbaut.

Entdecke die musische Seite in dir!

Aber zurück zum kreativen Prozess des Schreibens:
Die Entwicklung des Plots gehört zum Komponieren und Konstruieren einer Geschichte. Hierzu ist logisches und systematisches Denken erforderlich, das Denken „mit dem Kopf“. Der Inhalt einer Erzählung aber sprudelt aus einer Quelle, die nicht dem vernunftbetonten Denken zuzuordnen ist, sondern dem ganzheitlichen Denken in Bildern, Farben und Melodien. Deshalb ist es wichtig, dass wir die musische Seite in uns entdecken. Dass wir in den Flow geraten, in den Schreibfluss, der uns mit seinen Wellen mitreißen kann, so dass die Worte und Sätze nur so aus uns heraussprudeln, der aber manchmal auch nur vor sich hin tröpfelt, so dass wir ihm jedes Wort abringen müssen.
Wir müssen uns diesem Flow hingeben und dürfen nichts erzwingen wollen.