Allgemein, kreatives Schreiben

Anfang – Mitte – Ende

Literarisches Schreiben ist eine Form der künstlerischen Darstellung. Wie bei jeder anderen Kunstgattung auch müssen wir beim literarischen Schreiben eine Vorstellung davon haben, was wir schaffen wollen. Die Ideen für eine Erzählung oder eine Geschichte finden wir in unserer kreativen Schatzkiste, unserer Quelle der Inspiration. Doch unsere kreative Schöpfungskraft können wir nur dann sinnvoll nutzen, wenn wir die Ideen, die wir aus unserem Erfahrungsschatz schöpfen, in eine Ordnung bringen. Bevor wir damit beginnen können, einen Text auszuformulieren, müssen wir also ein Konzept haben und eine Skizze für den Handlungsablauf erstellen.

Eine Geschichte muss sich entwickeln.

Doch wie ausführlich muss das Konzept sein?
Wie umfangreich und vollständig soll das Konstrukt werden, in das wir unsere kreativen Ideen setzen? Müssen wir alles sorgfältig planen und festlegen oder sollen wir einfach drauflos schreiben?

Eine vollkommen ausgearbeitete und durchkonstruierte Geschichte ist wie ein enges Korsett, in dem unsere Figuren sich nicht bewegen können und in dem sie hölzern und distanziert wirken. In einer konstruierten Geschichte muss es genügend Raum geben, damit sich  unsere kreativen Gedanken entfalten können. Das Konstrukt kann daher nur den Rahmen oder das Gerüst für unsere Erzählung bilden. Es gilt, „eine gute Mischung aus Intuition und Planung (zu) finden“ (Otto Kruse, Kunst und Technik des Erzählens). Unsere Figuren müssen eine Motivation für ihre Handlung haben und sie müssen im Laufe der Geschichte eine Wandlung erfahren. Deshalb sollte unser Konzept oder unsere Skizze lediglich den Anfang, die Mitte und das Ende des Handlungsablaufs enthalten (siehe hierzu den Beitrag Die dramatische Struktur). Unverzichtbar ist es, eine Prämisse zu haben, die den Antrieb für unsere Hauptfigur darstellt und aus der der Konflikt mit seinem Wendepunkt entsteht (siehe hierzu den Beitrag Die Essenz des literarischen Schreibens).

Der Anfang

Eine geeignete Methode für den Anfang einer Geschichte ist es, mit der Figur zu beginnen und diese die Geschichte erzählen zu lassen. Sol Stein (Die Kunst des Schreibens) empfiehlt, eine Szene an den Anfang zu stellen, die sich der Leser vorstellen kann und die so dicht wie möglich an ihrem Höhepunkt beginnt. Dazu müssen wir in der Fantasie unsere Figur auf eine Bühne stellen und sie wie in einem Theater oder auf der Leinwand beziehungsweise dem Bildschirm betrachten. Wie sieht diese Person aus? Was sind ihre Eigenarten? Was verbirgt sich hinter dieser Person? Welche Geschichte hat sie zu erzählen? Was treibt sie an?

Die Mitte

Wir schaffen eine Ausgangssituation, in der sich unsere Figur befindet und die den Einstieg für den Handlungsablauf darstellt. Dann wird der Protagonist durch einen bestimmten Umstand oder ein Geschehnis dazu veranlasst, aus der gewohnten Umgebung auszubrechen. Und die Handlung beginnt, unvermeidlich ihrem Höhepunkt zustrebend. Im Konflikt erfüllt sich schließlich die Prämisse, die wir vorangestellt haben.

Das Ende

Das Ende der Geschichte muss sich auf den Anfang beziehen. Denn dadurch, dass wir eine Prämisse formuliert haben, trägt der Anfang das Ende bereits in sich. Bei der Gestaltung müssen wir darauf achten: Wie wirkt der Anfang der Geschichte im Ende?
Wir runden unsere Geschichte ab, so dass sie zu einem stimmigen Ende führt.

 

Allgemein, kreatives Schreiben

Schreibübung 6: Flow

Inhalt

Der Zustand des Flow ist ein Zustand des Sich-Vertiefens und der intensiven Beschäftigung mit dem, was wir tun. Beim literarischen Schreiben ist dabei häufig häufig vom Schreibfluss die Rede. Damit ist der Zustand gemeint, in dem die Gedanken und Ideen, Worte und Sätze aus uns herausströmen. Aber der Schreibfluss ist nur ein Teil des kreativen Schreibprozesses. Auch dann, wenn die Ideen nur stockend fließen und wir nach Formulierungen ringen müssen, sind wir kreativ. Manchmal müssen die Gedanken auch ruhen. Deshalb verbiete ich mir den Ausdruck der Schreibblockade.
Durch Schreibübungen können wir den Gedankenfluss wieder ins Laufen bringen.

Aufgabe

Teil 1: Fünf-Minuten-Geschichte

Suche dir aus den folgenden Vorschlägen intuitiv und spontan ein Thema aus:

  • Schreibe eine Geschichte über ein Gemälde.
  • Schreibe eine Geschichte über ein Gebäude.
  • Schreibe eine Geschichte über Musik.
  • Schreibe eine Geschichte über eine Farbe.
  • Schreibe eine Geschichte über ein Geräusch.

Beginne sofort, die Geschichte zu schreiben.
Überlege nicht vorher, was dir zu dem Thema einfällt oder was für eine Geschichte du schreiben willst. Schreibe einfach drauf los!
Falls dir nichts einfallen sollte, schreibe: „Ich habe mir dieses Thema ausgesucht, weil…“ und schreibe dann alles auf, was dir in den Sinn kommt.

Nimm dir für deine Geschichte 5 Minuten Zeit. Nicht länger.
Du kannst die Geschichte später noch umschreiben, überarbeiten, fortsetzen… wie du möchtest.

Teil 2: Sich-Vertiefen

Schreibe 2 Wochen lang jeden Tag über dasselbe Thema.
Wähle entweder ein Thema aus der Liste oben aus.
Nimm dir diesmal so viel Zeit wie du möchtest für deinen Text, entscheide an jedem Tag neu. Lass dich von deiner Inspiration führen.

Ziel

Durch das spontane Schreiben regen wir unsere rechte Gehirnhälfte an, die für das ganzheitliche Denken in Bildern, Farben und Melodien zuständig ist, und schalten das vernunftbetonte „Kopfdenken“ aus. Dadurch wird die Kreativität gefördert. Durch das tägliche Schreiben über dasselbe Thema befreien wir unsvon inhaltsleeren, stereotypen Denkstrukturen, können neue Wege beschreiten und zu Bereichen subtileren Wissens vordringen. Dadurch werden unsere Texte authentisch und erlangen mehr Tiefe.

Allgemein, kreatives Schreiben

Inspiration und literarisches Schreiben

Das literarische Schreiben lebt von der Inspiration, also von der geistigen Eingebung, einem unerwarteten Einfall als Ausgangspunkt für die kreative Schöpfungskraft.
Doch wo bekommen wir die Ideen her?

Die Quelle der Inspiration

Die Quelle der Inspiration liegt in uns selbst. Wir tragen einen Erfahrungsschatz aus implizitem (stillem) Wissen in uns, aus dem wir schöpfen können. Kreative Gedanken entstehen aus Dingen, die wir erlebt haben, Informationen, die wir gehört, gelesen, gesehen, gefühlt und scheinbar wieder vergessen haben, die aber in unserer Erinnerungskiste abgelegt und zu unserem unbewussten Gedächtnis geworden sind.
Wir können uns diese inneren Schätze nur wieder zugänglich machen, indem wir gerade nicht – wie wir es häufig gewohnt sind – zielgerichtet und bewusst denken. Denn dann folgen wir nur unseren alten Denkmustern und können keine neuen Wege betreten.
Was wir brauchen ist Begeisterung für neue Ideen und Einsichten!
Doch wie kann es uns gelingen, an diesen verborgenen Erfahrungsschatz zu gelangen und die schöpferische Kraft zu nutzen? Das Wissen steckt in unserem Können!

Bildhafte Vorstellung vs. verkopftes Denken

Wir müssen unsere bildhafte Vorstellungskraft nutzen, denn die Bilder existierten lange, bevor es die Sprache gab und die Sprache entstand und entsteht aus Bildern.
Die bildhafte Vorstellung steht im Gegensatz zum verkopften Denken, bei dem wir versuchen, zielgerichtet und bewusst etwas zu errichten, herzustellen oder zu konstruieren. Die Literaturwissenschaften und ihr folgend die neuzeitliche deutschsprachige Literatur basieren auf diesem verkopften Denken. Daher werden von der Fachwelt häufig nur solche Romane als literarisch wertvoll und hochwertig angesehen, die vom Verstandesdenken getragen sind, die unbewusste schöpferische Energie aber nicht zulassen, so dass sie die Leser/innen nicht ansprechen oder berühren.
Als Beispiel möchte ich hier den vielfach gelobten Roman „Kraft“ von Jonas Lüscher nennen, der ein intellektuelles philosophisches Thema zum Gegenstand hat und mit Problemen des Neoliberalismus verbindet, dessen Figuren aber flach und leblos wirken und deren Handlungen nicht nachvollziehbar sind.
Hingegen können Romane, die sich mit alltäglichen Geschehnissen und persönlichen Konflikten befassen, durchaus menschlich bedeutsame Lebensfragen, philosophisch tiefgreifende Gedanken und psychologische Erkenntnisse beinhalten und müssen keineswegs oberflächlich und unbedeutend sein. Auch hier möchte ich ein Beispiel einfügen: „Aus der Welt“ von Douglas Kennedy, in dem die Lebensgeschichte einer intelligenten, selbstständigen Frau erzählt wird, die tief verletzt in eine Depression gerät und wieder den Weg zurück ins Leben findet. Dieser Roman ist bewegend und regt zum Nachdenken über die Lebensgestaltung moderner Frauen in der heutigen Zeit an.
Wichtig für das literarische Schreiben ist daher, dass wir die Bilder und Empfindungen, die wir in uns selbst hervorrufen, so in Worte fassen, dass sie für unsere Leser/innen nachvollziehbar, nacherlebbar werden.

Methoden zur Anregung der Schöpfungskraft

Es gibt viele Methoden, Ideen zu erwecken und den Schreibfluss in Gang zu bringen.
Die Schreibübungen, die wir auf dieser Website vorstellen, sind eine von vielen Möglichkeiten. Sie regen das bildhafte Denken und die Vorstellungskraft an.
Und vor allem kommt es darauf an zu schreiben, schreiben, schreiben!
Ansonsten hat jede/r Künstler/in und jede Autorin, jeder Autor ihre/seine eigene Art, den Schaffensprozess zu fördern. Die nachfolgenden Techniken können daher nur Vorschläge und Anregungen sein, aber kein Patentrezept enthalten, das für alle gleichermaßen wirksam ist.

Notieren

Schreibe regelmäßig, notiere und skizziere!
Führe ein Tagebuch und/oder trage immer ein Notizbuch bei dir.
Notiere, was dir gerade an Gedanken in den Kopf kommt, beobachte die Menschen und die Umgebung um dich herum und schreibe auf, was du siehst und sonst noch wahrnimmst. Fertige Skizzen an von Szenen und Ereignissen, die du im Alltag erlebst.
Lege das Notizbuch auch neben dein Bett, denn die Zeit kurz vor und nach dem Einschlafen bringt häufig unbewusste Gedanken und Ideen hervor.

Zeit und Stille

Nutze die Zeit und die Stille, in der du nichts tust.
Lasse die Gedanken fließen, ohne an etwas Bestimmtes zu denken.
Höre auf das Ticken einer Uhr, schaue in die Flamme einer Kerze oder lausche auf das Tropfen des Regens an deinem Fenster…
Erlaube dir Wachträume.
Oder bleibe morgens ein paar Minuten länger im Bett liegen und hänge deinen Nachtträumen und/oder deinen Gedanken nach.

Anregende Orte und Tätigkeiten

Suche anregende Orte auf und probiere neue Tätigkeiten aus.
Erkunde deinen Wohnort, als wärst du zu Besuch oder ein/e Tourist/in.
Fahre mit dem Zug und schaue auf die Landschaft.
Setze dich in ein Café und beobachte die Menschen und die Umgebung.
Mache Ausflüge in die Natur, wandere durch den Wald oder Park, setz dich an den Strand oder an das Ufer eines Flusses.
Gehe ins Museum oder in eine Ausstellung.
Höre Musik und gehe in ein Konzert.

Anregende Mittel

Genussmittel in Maßen sind erlaubt.
Vor allem eine Tasse Tee oder Kaffee kann die Kreativität und den Gedankenfluss anregen. Ebenso Schokolade.
Doch vermeide Alkohol, weil er die Gedanken benebelt.

Rituale

Entdecke deine eigenen Rituale.
Räume deinen Schreibtisch auf, spitze deinen Bleistift, koche dir eine Tasse Tee, höre die Musik, die dich zum Schreiben anregt,  bevor du mit dem Schreiben beginnst.
Oder, oder, oder…