Allgemein, kreatives Schreiben

Die 4 Phasen des literarischen Schreibens

Inspiration, bildhafte Vorstellungskraft und kreative Schöpfungskraft allein reichen nicht aus, um fiktive Literatur zu schreiben. Literarisches Schreiben ist auch Arbeit, wir müssen ein Konzept erstellen und dies ausfüllen, damit unsere Texte Struktur erhalten.

Literarisches Schreiben ist ein Prozess.

Wir durchlaufen beim literarischen Schreiben mehrere Phasen, die auf unterschiedliche schöpferische Kräfte gerichtet sind. Wir müssen diese Schreibphasen und die damit verbundenen Schreibenergien (er)kennen und sie während des Schreibens bewusst an der Stelle einsetzen, wo sie uns hilfreich sind und den Schreibfluss fördern können. Tun wir das nicht und versuchen wir, die Schreibenergie einer bestimmten Phase an einer anderen Stelle zu nutzen, so kann eine Schreibblockade entstehen.
Wir müssen uns darüber bewusst sein, dass das literarische Schreiben in einem Prozess verläuft und dass wir nicht immer zielgerichtet und linear dabei vorgehen können.

Das Gebäude des literarischen Schreibens

Beim literarischen Schreiben bilden, schaffen, erstellen wir ein Werk aus Worten und Sprache. Deshalb lässt sich der Schreibprozess auch mit der Errichtung eines Gebäudes vergleichen. Dr. Betty Sue Flowers hat hierzu 1979 das System Roles and the Writing Process entwickelt. Sie hat den einzelnen Phasen des Schreibens verschiedene Schreibenergien zugeordnet und diese zur Veranschaulichung wie folgt benannt:

(1) Madman: Der (verrückte, wilde) kreative Geist, der Ideen generiert.

(2) Architect: Der Architekt und Planer, der sicherstellt, dass die Struktur zum angestrebten Ziel passt und solide ist.

(3) Carpenter: Der Baumeister, der das Werk – den Text – errichtet und gestaltet.

(4) Judge: Der Richter oder Sachverständige, der das Werk daraufhin überprüft, ob alles richtig gemacht wurde.

Jeder dieser vier Charaktere repräsentiert eine bestimmte intellektuelle Funktion oder Aufgabe, die wir als Autoren durchlaufen müssen.

Mad(wo)man

So steht Mad(wo)man hauptsächlich für die bildhafte Vorstellungskraft sowie die Fähigkeit, Potenzial zu entdecken und Ideen zu entwickeln.
Aus der Sicht des Judge – also der Schreibenergie, die erst in der letzten Phase des Schreibprozesses eingesetzt werden sollte – arbeitet der Madman nachlässig und schludrig. Deshalb kommt es in dieser Phase des Schreibprozesses häufig vor, dass der Judge die Rolle des inneren Kritikers übernimmt und das gesamte Schreibprojekt – einschließlich unserer persönlichen Fähigkeiten – in Frage stellt und es ablehnt.
Der Madman muss vor dem Judge geschützt werden, damit er die kreativen Ideen nicht von vornherein zensiert und blockiert. Daher müssen wir dem Judge in einem inneren Dialog seinen Platz in einer späteren Phase des Schreibprozesses zuweisen.

Architect

Der Architect hat die Aufgabe, einen Gliederungsentwurf für unser Schreibprojekt zu erstellen. Die Schreibenergie des Architect können wir sinnvoll nutzen, indem wir die Ideen des Madman arrangieren. Dabei brauchen wir zunächst keine bestimmte Ordnung einzuhalten. Der Architect entwickelt eine Vorstellung davon, wie die einzelnen Teile sich zum ganzen Werk verhalten können und bringt schließlich die ungeordneten Ideen und Gedanken nach und nach in eine lineare Reihenfolge. Daraus entsteht ein erster Entwurf, eine Gliederung oder ein Raster.

Carpenter

Nachdem der Architect seine planerische Arbeit getan hat, ist es an der Zeit, die geistigen Fähigkeiten des Carpenter‘s einzusetzen. Der Carpenter verrichtet die eigentliche Schreibarbeit. Da der Madman und der Architect die Vorarbeit geleistet haben, braucht er diese nur umzusetzen und in Worte zu fassen. Das Schreiben in dieser Phase verläuft flüssig und ohne Anstrengung. Buchstaben, Worte, Sätze und Absätze reihen sich mühelos aneinander. Sollten in dieser Phase wider Erwarten Hindernisse oder gar Blockaden auftreten, so liegt das daran, dass wir nicht zuvor die Energien von Madman und Architect eingesetzt haben und kopfmäßig versuchen, etwas zu konstruieren. Der Carpenter schöpft aus den Ideen und Plänen von Madman und Architect, kann sie aber nicht selbst produzieren.Der Text, den wir mit Hilfe der Schreibenergie des Carpenter’s erstellt haben, ist die Rohfassung unseres Werks.

Judge

Nun endlich darf der Judge seine Aufgabe wahrnehmen, den Text in seiner Gesamtheit umfassend und sorgfältig zu überprüfen. Dabei gilt es die Ecken und Kanten zu glätten, an Formulierungen zu feilen, grammatikalische und sprachliche Fehler zu beseitigen und Unebenheiten zu bereinigen. Da der Judge sehr kritisch und vernunftbetont vorgeht, ist es für uns als Autoren sinnvoll, zunächst Abstand zum eigenen Text zu gewinnen, damit das Überarbeiten nicht zu schmerzhaft wird.
Auch in dieser letzten Phase des literarischen Schreibens darf der innere Kritiker nicht zu viel Macht über uns gewinnen. Deshalb empfiehlt es sich, den gesamten Text zunächst einmal im Ganzen durchzulesen und zu überprüfen, ob wir alles zum Ausdruck gebracht haben, was wir ausdrücken wollten. Der Text sollte alles abdecken und insgesamt eine logische und in sich stimmige Struktur mit einem roten Faden aufweisen. Erst im zweiten Durchgang der Überarbeitung achten wir auf sprachliche Ungenauigkeiten, überflüssige oder fehlende Worte, umständliche Satzkonstruktionen sowie um Schreib- oder Grammatikfehler und bereinigen diese.

Beteilige alle aufgezeigten Schreibphasen und die ihnen zugeordneten schreiberischen Energien in deinem Schreibprozess!

 

 

 

 

 

Allgemein, kreatives Schreiben

Was ist literarisches Schreiben?

Als ich im November am National Novel Writing Month (NaNoWriMo) teilnahm, sollte ich in meinem Autorin-Profil das Genre meines geplanten Schreibprojekts eintragen. Da ich weder Fantasy, noch Krimis / Thriller, Love Storys oder historische Romane schreibe, wählte ich literary fiction, also literarische Fiktion. Einige Zeit später erhielt ich eine Anfrage von einer deutschen Teilnehmerin, was denn „literarisch“ bedeute. Sie selbst schreibe Fantasy  und verwende dabei eine sehr bildhafte Sprache. Kann sie also von sich behaupten, literarische Fiktion zu schreiben?

Literarische Fiktion ist kein Genre für sich.

Literarische Fiktion ist eine fiktive, mit sprachlichen Mitteln gestaltete Geschichte. Sie wird getragen von Figuren, Ort und Zeit sowie einer Handlung, die zu einem bestimmten Ende hinstrebt. Der Anfang beinhaltet das Ende bereits in sich und das Ende bezieht sich auf den Anfang. Die fiktiv geschaffene Umgebung und Handlung müssen die Regeln der Wahrscheinlichkeit beachten, sie müssen stimmig sein. Was wir Genre nennen, ordnet sich diesen elementaren Bestandteilen des Erzählens unter.

Literarisches Schreiben vs. kreatives Schreiben

Ich verwende bewusst den Begriff des literarischen Schreibens und nicht den des kreativen Schreibens, weil letzterer häufig zu der Fehlannahme führt, jede/r könnte einfach drauflos schreiben, wenn er/sie nur den passenden Plot hat. Aber Literatur ist eine Form der visuellen Kunst, ist Ausdruck von Sprache und wie bei jeder anderen künstlerischen Ausdrucksform müssen wir das Handwerk erlernen und anwenden. Ein Musiker muss sein Instrument beherrschen, bevor er ein Musikstück spielen und damit auftreten kann. Eine Malerin muss gelernt haben, wie sie den Pinsel führen muss, um ihren inneren Bilden Ausdruck verleihen zu können. Und eine Autorin/ein Autor muss Sprache gestalten und in eine Form bringen können.

Das Gestaltungsmittel der Sprache ist die Sprache.

Das literarische Schreiben ist Ausdruck von Ideen, philosophischen Gedanken, gesellschaftlichen und psychologischen Entwicklungen, von Geschichte und Politik durch Sprache. Der Erzählstil, die Beschaffenheit und Anordnung der Worte, die Struktur der Sätze, die Gestaltung des Textes und die Sprachmelodie erschaffen Vorstellungen, Gedanken und Wortfiguren. Literarisches Schreiben ist Bildmalerei, ein Ausdruck schöpferischer Phantasie.

Literarisches Schreiben ist keine Wissenschaft.

Ein Teilnehmer meiner Schreibkurse warf mir vor, mein Verständnis von literarischem Schreiben sei elitär, weil ich damit Fantasy- und Abenteuergeschichten, Love Storys, Krimis und Thrillers abwerte und nur anspruchsvolle gehobene Literatur gelten lasse. Doch will ich hier gar keine Wertung zwischen „literarisch wertvoll“ und „Mainstream“ vornehmen. Es kommt beim literarischen Schreiben darauf an, eine fiktive Geschichte zu erschaffen, die von einer bestimmten Ausgangssituation ausgeht, und die, vorangetrieben durch ihre Figuren, einem bestimmten Ende zustrebt, wobei sie Entwicklung und Ergebnis sinnvoll miteinander verknüpft. Rahmen, Ort und Handlung, auch das Genre, in die wir eine solche Erzählung stellen, ist uns überlassen.