Allgemein, kreatives Schreiben

Die Figuren erzählen uns ihre Geschichte

Unsere Geschichten leben nicht ohne unsere Figuren. Durch die Motivation der Hauptfigur, durch ihre Wünsche und ihren inneren Antrieb werden die Handlungselemente erst zu einem sinnvollen Ganzen verknüpft (siehe hierzu den Beitrag Der kreative Prozess beim Schreiben).

Die Figur erzählt uns ihre Geschichte.

Die Hauptfigur lenkt und leitet die Geschichte. Ich verwende hier durchgängig den Begriff „Figur“, weil ich ihn für passender halte und für nicht so abstrakt und wissenschaftlich wie die aus der Literaturwissenschaft stamende Bezeichnung „Protagonist“.  Ein Protagonist verlangt immer nach einem Gegenspieler (Antagonist). Diese Denkweise entspricht dem Schema der dramatischen Struktur, das nicht für alle literarischen Texte gleichermaßen angewendet werden kann (Siehe hierzu auch den Beitrag Originelles schöpferisches Schreiben). Die Figur im literarischen Schreiben aber ist ein künstlerisches Produkt,  wir erschaffen sie durch unsere bildhafte Vorstellungskraft und durch unser Schreiben, gestalten sie durch unser künstlerisches Handwerk. Die Figur meiner Geschichte ist etwas, was ich selbst erschaffen kann, so wie eine Bildhauerin eine Skulptur.

Daher ist meiner Ansicht nach auch der Begriff des „character“, wie er häufig beim Creative Writing im englischsprachigen Raum zu finden ist, nicht treffend. Zwar muss meine Figur bestimmte Eigenschaften, Merkmale und Charaktereigenschaften haben; aber ich bin keine Psychologin, sondern nur Schöpferin, und die Beurteilung der charakterlichen Eigenschaften meiner Figur überlasse ich den Leserinnen und Lesern.

Liebe deine Figuren!

Wichtig ist, dass wir einen persönlichen Zugang zu unseren Figuren haben, dass wir ihnen Leben einhauchen und uns in sie hineinversetzen. Wir müssen unseren Figuren zuhören und mit ihnen reden, einen inneren Dialog halten, überlegen, wie wir oder eine andere Person in derselben Situation sich verhalten würde, was unsere Figur denken und fühlen würde. Nur so können wir unsere Figuren auch für unsere Leserinnen und Leser nachvollziehbar gestalten.

Wenn wir unseren Figuren Konturen geben wollen, wenn sie authentisch und glaubhaft wirken sollen, dann müssen auch wir uns selbst als Schreibende mit den eigenen – hellen und dunklen – Seiten unserer Persönlichkeit beschäftigen. Wir müssen die verschiedenen Facetten betrachten, Erinnerungen, Erfahrungen und Empfindungen erwecken und hervorrufen. Nur wenn wir diese an und in uns selbst wahrnehmen, können wir auch tiefgründige – nicht nur schematische und flache – Figuren schaffen. Jeder Mensch ist nicht nur gut oder böse, stark oder schwach, ernsthaft oder humorvoll, vernunftbetont oder emotional. Die meisten Menschen tragen von beiden Seiten – Licht und Schatten – etwas in sich. Dies gilt es hervorzurufen.

Nichts ist langweiliger, als klischeehafte Figuren, bei denen sich der Autor / die Autorin nicht die Mühe gemacht hat, in sie einzudringen, zu ihnen vorzudringen und sie uns letztlich nahe zu bringen.