Allgemein, kreatives Schreiben

Originelles schöpferisches Schreiben

In Beiträgen und Kursen zum kreativen Schreiben wird den Schreibenden vermittelt, dass sie sich streng an den Aufbau Anfang – Mitte – Ende halten sollen und dass ihre Geschichte einen Protagonisten (zentrale Gestalt) haben muss, dem sich ein Antagonist (Widersacher) in den Weg stellt. Auch die Erzähltheorie geht von dieser klassischen dramatischen Struktur aus. Doch ist diese Art des Schreibens nicht für alle Autoren geeignet, da sie stark handlungsorientiert ist.

Es entsteht der Eindruck, die dramatische Struktur wäre die einzige richtige Form und wenn man sich daran hielte und sie schematisch als Handwerkszeug anwende, dann könnte jede/r ein Buch schreiben. Und so überfluten auch Massen an Krimis und Thrillern und Fantasy-Geschichten der Creative Writing Szene den Selfpublisher Markt.

Doch literarisches Schreiben ist ein Ausdruck der Persönlichkeit und jede Autorin und jeder Autor muss ihren/seinen eigenen Schreibstil entwickeln, um gelesen, gehört, erkannt und verstanden zu werden.

Experimentelle Struktur vs. dramatische Struktur

Literarisches Schreiben besteht nicht nur aus Schreibstil („Erzählstimme“), Plot, Prämisse und dramatischem Aufbau. Von wesentlicher Bedeutung ist der kreative Schaffensprozess als solcher. Hierzu gehört auch, die richtige Form für das zu finden, was wir ausdrücken wollen. Nicht jede/r möchte einen Liebesroman, historischen Roman, Krimi oder Thriller schreiben. Es gibt auch andere literarische Formen, die ebenso wichtig sind und vielfältige künstlerische Gestaltungsmöglichkeiten bieten.

Im Gegensatz zur dramatischen Struktur werden diese Gestaltungsmöglichkeiten als experimentelle Strukturen bezeichnet. Ich verwende stattdessen den Begriff des originellen schöpferischen Schreibens, weil jede Form des literarischen Schreibens künstlerischer Ausdruck ist und nicht bloßes Ausprobieren. Auch experimentelle Strukturen haben ihre Daseinsberechtigung.

Unter dem Begriff des originellen schöpferischen Schreibens verstehe ich Episoden, Mosaike, Collagen, Kürzestgeschichten, Kurzprosa, Haikus sowie künstlerische Gesamtwerke.

Episoden

Episoden sind kurze Geschichten, die eigenständig für sich stehen können, die aber so zusammengefügt werden können, dass sie abgeschlossene Kapitel eines Gesamtwerks ergeben, etwa eines Romans. Auf dieser Website werden die Geschichten über Madame Pipanelle in Episoden erzählt. Weiteres Beispiel sind die in Episodenform verfassten Romane von Elizabeth Strout. Die Geschichten werden dadurch miteinander verbunden, dass die Personen der einzelnen Episoden in einem Bezug zueinander stehen. Auch Kürzestgeschichten können zu einem Gesamtwerk zusammengestellt werden.

Mosaik

Bei einem Mosaik werden selbstständige Texte zu einem übergeordneten Thema zusammengestellt. Jeder einzelne Text trägt zu einem Gesamtbild bei. Beispiel ist der Roman „Lempi“ von Minna Rytisalo, der aus drei selbstständigen Teilen besteht. Aus unterschiedlichen Perspektiven wird die Figur der Lempi aus der Wahrnehmung der jeweiligen Erzählperson beschrieben, bis schließlich ein Gesamtbild der Protagonistin entsteht, ohne dass diese selbst in der Geschichte auftaucht. Sie bleibt nur schemenhaft.

Collage

Auch bei einer Collage werden mehrere heterogene, also unterschiedliche Elemente zu einem Gesamtwerk zusammengefügt. Wir können unsere Texte auch mit anderen Medien zu einem Gesamtkunstwerk verbinden – mit Fotos, Musik, Videos, Zeichnungen, Grafiken etc.

Das Buch „Mosaik aus Licht“ besteht aus Erzählungen, Geschichten, Gedichten, Haikus und Fotos mehrerer Autoren. Man könnte diese Sammlung daher als Collage bezeichnen. Doch wir haben es als Mosaik bezeichnet, weil wir mit dieser Form die Vielfältigkeit innerhalb einer Schreibgruppe veranschaulichen wollten. Jede Autorin hat ihre eigene Vorstellung und Herangehensweise an das gemeinsame Thema, den Überbegriff Licht.

Mosaik aus Licht Cover front

Mosaik aus Licht Cover back

Mosaik aus LICHT_Q_Leseprobe

Das Buch „Mosaik aus Licht“ könnt ihr bei Interesse über unser Kontaktformular erwerben.

Allgemein, kreatives Schreiben

Madame Pipanelle kauft ein

 

Klack, klack, klack.
Hier kommt Madame Pipanelle.
Die metallbeschlagenen Absätze ihrer Pumps klackern in einem energischen Stakkato über das Trottoir, übertönen den Lärm des Straßenverkehrs und das Gezeter ihrer Nachbarn.

Flopp, flopp, flopp.
Ihr weiter, wehender Mantel verschafft sich Platz.
Die Feder auf dem spitzen Hut steilgerade in die Luft gerichtet, stolziert sie die Rue du Jour entlang.

Plong, plong, plong.
An ihrer rechten Hand baumelt eine Papiertasche der Confiserie „Créme de Tart“, ein weiteres Säckchen hat sie unter den Arm geklemmt. Sie muss aufpassen, dass sie das Gleichgewicht hält, denn mit der linken Hand balanciert sie einen Stapel Päckchen und Kartons. Es ist Donnerstag, Einkaufstag. Madame Pipanelle hat wieder einmal zugeschlagen.

Jeden Morgen frühstückt Madame Pipanelle im Bistro an der Ecke. Eine Tasse Milchkaffee und ein Croissant. Jeden Mittag sucht sie das kleine Restaurant in der Rue de Lafayette auf und nimmt eine Suppe oder einen kleinen Salat zu sich. Sie kocht nie selbst. Nicht für sich allein. Nur am Abend bereitet sie sich eine kleine Mahlzeit zu. Etwas Käse und Wurst zu einem Stück Baguette. Ein paar Oliven. Sie sitzt allein an dem Esszimmertisch, der Platz für sechs Personen bietet, auf dem jetzt aber nur ein Gedeck und eine Stoffserviette liegen, das Leinen fadenscheinig, das Silber des Serviettenrings dunkel angelaufen. Sie hat sich angewöhnt, während des Abendessens Radio zu hören, den Klassiksender. Bach und Haydn mag sie am Liebsten. Nach dem Essen sitzt sie im Ohrensessel am Fenster, darauf bedacht, den Kopf nicht auf das Spitzendeckchen zu legen, um das Tuch zu schonen. Hier hat immer Gustave gesessen, aber nun gehört das Möbelstück ihr.
Gustave ist vor drei Jahren gestorben. Er hat ihr das Appartement hinterlassen und einige Wertpapiere, so dass ihr monatlicher Unterhalt gedeckt ist. Und sonst nichts.
Die Kanzlei gehört nun Fabrice. Jahrelang hat Madame Piapenelle ihrem Mann beigestanden, hat den Haushalt versorgt, den Sohn erzogen und im Notariat mit ausgeholfen. Sie hat die Akten angelegt und sortiert, die Buchhaltung geführt, die Terminplanung organisiert und leidige Mandanten von ihrem Mann ferngehalten.
Nun ist alles automatisiert. Anfangs durfte sie noch den Telefondienst übernehmen, aber dann hat Fabrice eine neue Telefonanlage installieren lassen und fast alles läuft computerisiert. Madame Pipanelle wird nicht mehr gebraucht.
Sie wirft einen Blick aus dem Fenster. Das Nachbarhaus gegenüber ist in kleine Einzimmerwohnungen unterteilt, Kabinen, in denen nur junge Menschen wohnen, Studenten. Die Bewohner in ihrem Viertel werden immer jünger – oder sie immer älter.

Torte

Jeden Nachmittag geht Madame Pipanelle im nahe gelegenen Park spazieren.
Ihr Leben verläuft gleichmäßig und eintönig. Doch einmal in der Woche kauft Madame Pipanelle ein. Jeden Donnerstag erlaubt sie sich, ihrer Leidenschaft nachzugehen. Das erste Ziel, das sie ansteuert, ist die Lingerie „Dessous rosé“. Dann das Kaufhaus „Galerie Juliette“ und zum krönenden Abschluss die Confiserie „Créme de Tart“.

Wipp, wipp, wipp.
Madame Pipanelles mächtiger Busen wogt in der neuen oleanderfarbenen Corsage auf und ab. Sie riecht das köstliche, verlockende Aroma aus der Papiertasche an ihrer rechten Hand, Vanille, Makronen und rosa Zuckerguss, Vermicelles und Liebesknochen.
Sahnig, cremig und fluffig. Verlockende Süßigkeiten, Backwaren und Naschzeug.
Nicht mehr lange, dann ist sie zu Hause.
Dann darf sie die Beherrschung verlieren.
Dann darf sie sich endlich hingeben.