Literarisches

 

Was ist literarisches Schreiben?

Als ich im November am National Novel Writing Month (NaNoWriMo) teilnahm, sollte ich in meinem Autorin-Profil das Genre meines geplanten Schreibprojekts eintragen. Da ich weder Fantasy, noch Krimis / Thriller, Love Storys oder historische Romane schreibe, wählte ich literary fiction, also literarische Fiktion. Einige Zeit später erhielt ich eine Anfrage von einer deutschen Teilnehmerin, was denn „literarisch“ bedeute. Sie selbst schreibe Fantasy  und verwende dabei eine sehr bildhafte Sprache. Kann sie also von sich behaupten, literarische Fiktion zu schreiben?

Literarische Fiktion ist kein Genre für sich

Literarische Fiktion ist eine fiktive, mit sprachlichen Mitteln gestaltete Geschichte. Sie wird getragen von Figuren, Ort und Zeit sowie einer Handlung, die zu einem bestimmten Ende hinstrebt. Der Anfang beinhaltet das Ende bereits in sich und das Ende bezieht sich auf den Anfang. Die fiktiv geschaffene Umgebung und Handlung müssen die Regeln der Wahrscheinlichkeit beachten, sie müssen stimmig sein. Was wir Genre nennen, ordnet sich diesen elementaren Bestandteilen des Erzählens unter.

Literarisches Schreiben vs. kreatives Schreiben

Ich verwende bewusst den Begriff des literarischen Schreibens und nicht den des kreativen Schreibens, weil letzterer häufig zu der Fehlannahme führt, jede/r könnte einfach drauflos schreiben, wenn er/sie nur den passenden Plot hat. Aber Literatur ist eine Form der visuellen Kunst, ist Ausdruck von Sprache und wie bei jeder anderen künstlerischen Ausdrucksform müssen wir das Handwerk erlernen und anwenden. Ein Musiker muss sein Instrument beherrschen, bevor er ein Musikstück spielen und damit auftreten kann. Eine Malerin muss gelernt haben, wie sie den Pinsel führen muss, um ihren inneren Bilden Ausdruck verleihen zu können. Und eine Autorin/ein Autor muss Sprache gestalten und in eine Form bringen können.

Das Gestaltungsmittel der Sprache ist die Sprache

Das literarische Schreiben ist Ausdruck von Ideen, philosophischen Gedanken, gesellschaftlichen und psychologischen Entwicklungen, von Geschichte und Politik durch Sprache. Der Erzählstil, die Beschaffenheit und Anordnung der Worte, die Struktur der Sätze, die Gestaltung des Textes und die Sprachmelodie erschaffen Vorstellungen, Gedanken und Wortfiguren. Literarisches Schreiben ist Bildmalerei, ein Ausdruck schöpferischer Phantasie.

Literarisches Schreiben ist keine Wissenschaft

Bedeutet dieses Verständnis von literarischem Schreiben, dass es nur vermeintlich anspruchsvolle gehobene Literatur gelten lässt und Fantasy- und Abenteuergeschichten, Love Storys, Krimis und Thrillers abwertet? Nein. Wir müssen nicht „literarisch wertvoll“ schreiben und wir müssen auch nicht Literaturwissenschaften studiert haben, um fiktionale Literatur schreiben zu können. Es kommt vielmehr darauf an, eine fiktive Geschichte zu erschaffen, die von einer bestimmten Ausgangssituation ausgeht, und die, vorangetrieben durch ihre Figuren, einem bestimmten Ende zustrebt, wobei sie Entwicklung und Ergebnis sinnvoll miteinander verknüpft. Rahmen, Ort, Zeit und Handlung, auch das Genre, in die wir eine solche Erzählung stellen, sind uns überlassen.