Allgemein, kreatives Schreiben

Die dramatische Struktur

Die Erzähltheorie geht von der klassischen dramatischen Struktur aus, die allerdings stark handlungsorientiert ist. Jeder Schreibende, der versucht, sich einem bestimmten Genre unterzuordnen, wendet zwangsläufig die dramatische Struktur an und wählt einen strikten Aufbau der Geschichte mit Anfang, Höhepunkt (Konflikt) und Schluss (Lösung). Jedem Drama muss eine Prämisse zugrunde liegen, der sich die Handlungsführung unterordnet. Dadurch, dass wir die Erzählfigur in eine Konfliktsituation hineinversetzen, soll ein Spannungsbogen erzeugt werden, der die Neugier der Leser/innen schürt und sie wie an einer Schnur in unsere Erzählung hineinzieht.

Die Handlungslinie „plotten“

Für den Handlungsablauf in der dramatischen Struktur, auch Handlungslinie genannt, wird häufig der Begriff „Plot“ oder „Plotting“ verwendet. Beim Plotting erstellen wir eine Szenenfolge und entwerfen, wie sich die Handlung nach und nach entwickelt. Plotting ist aber mehr als nur eine Aneinanderreihung von Ereignissen. Wir müssen nicht nur festlegen, was und in welcher etwas Reihenfolge geschieht, sondern auch, wie die einzelnen Handlungselemente miteinander verknüpft sind. Wir müssen eine Ursachenkette herstellen, bei der sich die eine Handlung zwagsläufig aus der anderen ergibt.

Dies lässt sich anhand des Beispiels der Heldenreise verdeutlichen:

Der Ritter begibt sich auf die Suche nach der Höhle des Drachen. Warum? Weil er die Prinzessin retten will. Warum will er die Prinzessin retten? Weil der König eine Belohnung ausgesetzt hat. Warum rettet der Ritter die Prinzessin? Weil er sich auf die Reise begeben hat. Weil er besondere Gefahren bewältigt. Weil er die Höhle des Drachen findet. Weil er gegen den Drachen kämpft und ihn besiegt.

Doch jede/r Schreibende sollte sich darüber im Klaren sein, dass durch das Plotting nur der äußere Handlungsablauf beschrieben wird. Wir konstruieren damit lediglich eine innere Logik der äußeren Ereignisse. Eine Geschichte oder Erzählung wird erst dadurch lebendig und spannend, dass der äußere Konflikt mit dem inneren Konflikt übereinstimmt. Für den inneren Konflikt kommt es auf die Motivation, die Charaktereigenschaften des/der Protagonist/in an, die wiederum von der Prämisse bestimmt werden. Das ist der eigentliche Sinn des Konflikts:

Der Protagonist / die Protagonistin muss gezwungen werden, sich zu verändern!

Im Beispiel der Heldenreise könnte die Prämisse lauten: Der Ritter ist zunächst nicht tapfer, begibt sich aber auf Heldenreise, stellt sich den Herausforderungen und Gefahren und geht als gestärkte – tapfere – Persönlichkeit daraus hervor.

Wichtig ist, dass wir uns für einen ganz konkreten Antrieb unserer Protagonisten entscheiden. Es reicht nicht aus, dass er/sie so handelt, wie es möglicherweise andere Personen in derselben Situation tun würden und wie es allgemein psychologisch stimmig sein könnte. Nein, die Hauptfigur muss eine ganz konkrete Motivation haben, die ihr spezielles Handeln in dieser Situation bestimmt.

Im Beispiel der Heldenreise könnte sich der Konflikt daraus ergeben, dass die Prinzessin gar nicht gerettet werden will, weil sie gegen ihren Vater, den König, rebellieren will. Sie will lieber bei dem gewalttätigen Drachen bleiben. Der Ritter seinerseits wurde bisher von seiner Mutter stark bevormundet und hat nicht gelernt sich durchzusetzen. Die Herausforderung besteht darin, die Prinzessin davon zu überzeugen, dass der Drache ihr wehtun und schaden wird und dass es besser für sie ist, dem Ritter zu folgen. Der Ritter ist dadurch motiviert, dass er selbstständig Entscheidungen treffen und sich nicht länger bevormunden lassen will.

Es ist also unerlässlich, sich intensiv mit dem Hintergrund der Hauptfigur zu beschäftigen und sie zu formen!

Nur dann, wenn man weiß, was man wirklich sagen will, wird man eine Geschichte auch mit Sicherheit zu einem Ende bringen.“

Otto Kruse: Kunst und Technik des Erzählens

Allgemein, kreatives Schreiben

Abreise

Der Kreis schließt sich.

Ich beende meine Reise so,
wie ich sie begonnen habe,
gehe nochmals alle Wege entlang,
die ich beschritten habe, als ich hier ankam.

Wo einst Neugierde und Vorfreude mich geleiteten,
ein Gefühl der Fremdheit
und der Wunsch, Neues und Unbekanntes zu erkunden,
ist nun Wiedererkennen und Vertrautheit,
bin ich erfüllt von Wehmut und Abschied.

Ich habe den Norden erträumt,
habe Geschichten über ihn erfunden
und werde ihn schließlich meiden.

Ich verlasse diesen Ort, verlasse den Norden.
Ich nehme die Bilder mit,
die Eindrücke, die sich tief in meinen Geist geprägt haben.

Weite, Einsamkeit und Freiheit habe ich gefunden.
Offenheit und Gelöstheit.

Ich beende meine Reise dort,
wo ich sie begonnen habe.
Ich fahre hinaus aufs offene Meer.

 

Allgemein, kreatives Schreiben

Hitzewelle in Oslo

Über 30 Grad in Oslo.
Ein unglaublich heißer Frühsommer,
der heißeste Mai seit Menschengedenken in Südnorwegen.

Klarer dunkelblauer Himmel,
reine leichte Luft,
reich und gehaltvoll,
und doch dünn und durchdringlich.

Die Sonne stark und kraftvoll.

Blau der Himmel und das Meer.
Weiß das schäumende, aufspritzende Wasser im Oslofjord.
Rot von Sonne, Wind und Wasser unsere Nasen, Gesichter und Nacken.

Anders als zu Hause,
wo der Himmel diesig und fast gelb ist,
drückend und schwer wie eine Dunstglocke über der Stadt liegt,
stickig und verbraucht,
dicke Luft, undurchdringlich.

Oslo, die Stadt voller Gegensätze,
zwischen Meer und Gebirge gelegen.
Tor zum Norden.

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Bergen – Take your own time!

Bergen, das Tor zu den norwegischen Fjorden,
am Meer gelegen,
von sieben Bergen umgeben,
in den Hang gebaut,
heimelige Hafen- und Fischerstadt,
aber überquellend von Touristen.

„Take your own time“

… sagt ein junger Wikinger zu mir, der gerne in die einsamen Berge fährt, wandert, Fische fängt und in einer Hütte übernachtet.
Bergen und seine Umgebung zu erkunden, bedeutet, sich auf Touristen-Routen zu bewegen. Nur so kannst du zu Fuß zu den wundervollen, zauberhaften Orten gelangen, die es sich lohnt anzuschauen. Das ist in Ordnung, „just take your own time“.

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Fløyen

… atemberaubender Panoramablick über Bergen.
Eine andere Perspektive,
eine andere Wahrnehmung.
Nicht eingeschlossen in den engen Schluchten der Fjorde,
sondern hoch erhaben über der Stadt.
Du blickst in die Ferne und erkennst die Weite,
die sich unter und vor dir ausdehnt.

Ein paar Schritte in den Wald hinein und Ruhe umgibt dich.
Atme tief den würzigen Duft der Kiefern ein,
gehe zügig und gleichmäßig, den Blick aufgerichtet,
finde deinen eigenen Rhythmus, deine eigene Geschwindigkeit.
Betrachte wach und aufmerksam deine Umgebung.
Nimm die Natur, ihre Bilder, ihre Gerüche, ihre Geräusche in dich auf,
sauge sie durch jede Pore deines Körpers auf,
bis dein Körper und deine Sinne nur noch ein einziges Entzücken sind.

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[…] it is far more glorious to carve and paint the very atmosphere and medium through which we look, which morally we can do. To affect the quality of the day, that is the highest of arts.“

Henry David Thoureau, Walden

 

 

 

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Flåmbana

… die steilste Gebirgsbahn auf Normalspur in Europa.
Sie führt von Flåm nach Myrdal und überwindet dabei einen Höhenunterschied von
864 Metern auf einer Strecke von 20,2 Kilometern.

In der Bergenge

Als wir aus der Bergenge,
der gewaltigen Berekvamsschlucht, herausfahren,
öffnet sich das Gebirge vor uns,
aber es lässt uns nicht frei.

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We are spiralling …

Wir bewegen uns in Spiralen,
taumeln, fallen, purzeln den Abgrund entlang
und sind doch mit dem Erdboden verbunden.

Der Zug bohrt sich in den Felsen ein,
wir schrauben uns in Kreiseln durch den Berg,
und jedes Mal eröffnet sich ein neuer atemberaubender Ausblick,
wenn wir wieder auftauchen.

Auf der gegenüberliegenden Gebirgswand
erkennen wir das Labyrinth der Zugstrecke,
die wir soeben befahren haben.
Der Weg kehrt sich erneut,
verwirrt folgen unsere Körper den Kehrtwendungen,
schwirren die Spiralen um uns,
Spiralling …

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Fallendes Wasser Kjosfossen

Ein mächtiger Wasserfall lockt uns mit seinem Getöse,
über feuchtem, glitschigen Boden nähern wir uns,
der Wind stößt Fahnen von aufwirbelndem Wasser empor,
wir gleiten in den Sprühnebel und Frische umgibt uns,
setzt sich in unseren Haaren fest und nimmt uns den Atem.

Brausendes Wasser, Schaumkronen, Sprudel, Fontänen,
weiß, wild und wirbelnd.
Die Sonne im Rücken, vor der Felswand ein Regenbogen.

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Vatnahalsen

Letzter Halt vor Myrdal.
Eisfelder und Eisseen.
Unheimliche, verzauberte Welt.
Unbewohnt und unwirtlich.

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Nærøyfjord

… der schmalste Fjord Norwegens.
Die schönste Fjordlandschaft der Welt.
Von der UNESCO zum Weltnaturerbe ernannt.

Der Weg zum Nærøyfjord

DSC06711Stalheimskleiva

Wir überqueren den Bergrücken und blicken in das Tal hinunter, das sich wie ein Trichter vor uns öffnet. Die engen Serpentinen der Stalheimskleiva führen uns unweigerlich hinab auf den Grund und wir werden entlang des Wildflusses zu der Mündung des Trichters hingezogen, Gudvangen, der Einstiegspunkt für die beeindruckende Fahrt über den Nærøyfjord.

DSC06718Gudvangen

Die Stille über dem Fjord

Erhaben und mächtig ragen die Bergwände mehrere hundert Meter aus dem Wasser empor. Die senkrechten, steil abfallenden Täler aus Felsen lassen nur einen schmalen Durchgang zu, den wir in unserem Boot passieren, wir strömen darauf zu, werden durch die enge Öffnung gezogen.

Tiefes, dunkles Wasser. Die Schlucht unter uns, unterhalb der Wasseroberfläche, noch tiefer als die Berggipfel über uns.

Licht und Schatten wechseln sich ab.

Wir tauchen ein in das dunkle Grün, den finsteren Schatten, gleiten an kargen grauen Felsen vorbei, durchqueren die Enge und kommen befreit hervor. Vor uns öffnet sich die Weite, dehnt sich aus, umspielt uns mit Wind in den Haaren und dem Ruf der Huldra, einem weiblichen Naturgeist.

DSC06733Nærøyfjord

Wir werden davongetragen, gleiten majestätisch dahin.
Jegliche Hektik, Aufgeregtheit, fällt von uns ab.
Wir schauen und staunen, lassen uns treiben.
Wir nehmen die Bilder in uns auf.
Zeit und Raum erhalten eine andere Bedeutung,
werden zu einer anderen Dimension.

Der Nærøyfjord strömt kaum merklich mit uns dahin.

Zwei Fjorde vereinen sich.

Grüne Waldhänge,
reißende Wasserfälle.
Verfallene Häuser, in denen kein Mensch mehr wohnt.
Felseinschnitte geben den Blick frei auf vereiste Berggipfel, die kein Mensch je betritt.

Schließlich erreichen wir die Begrenzung des Fjords.
Sackgasse, Endstation am Fuße des Gebirges.
Wir sind in Flåm angekommen.

DSC06769Flåm

 

 

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Hardangervidda

… der größte Nationalpark Norwegens,
die weitflächigste Hochebene Europas.

Wilde, unwegsame Landschaft,
von der Eiszeit geformt,
urtümlich, ungezähmt,
weite Ebenen, sanfte Berggipfel,
rauhe Felsen, die sich aus den Fjorden erheben,
Wildwasser und Wasserfälle,
die sich in den Gletscherkessel stürzen.

Habitat für Schafe, Rentiere, Polarfüchse und Schneeeulen
und hunderte von Pflanzenarten.

Die Weite habe ich gesucht,
die Weite habe ich gefunden.

Aber ich bin nicht alleine.

Ich bin eines von unzählig vielen menschlichen Wesen, die wie Ameisen auf dieses Plateau krabbeln, sich auf Booten über den Fjord schiffern und in Bussen über die felsigen Haarnadelkurven am Abgrund entlang transportieren lassen, um dann das Wunderwerk der Natur zu bestaunen und sich der eigenen Unbedeutendheit und der eigenen arroganten Überheblichkeit bewusst zu werden.

Doch ich versuche, dieses Land nicht zu vereinnahmen und seine Weite und seine Ursprünglichkeit nicht für mich in Anspruch zu nehmen.
Ich befahre dieses Land nicht mit meinem Wohnmobil und in dem Gefühl, dass ich dort hineingehöre, dass ich ein angestammtes Recht habe, dort zu zelten und zu fischen und meine Duftmarke zu hinterlassen. Ich trage keine Pullover mit der Aufschrift „Norway“ und auf denen die norwegische Flagge als Markenzeichen abgebildet ist.

Ich möchte dieses Land und seine Einwohner respektieren und schätzen.
Ich lasse die Bilder auf mich wirken, auch wenn ich den Augenblick einfangen und festhalten möchte.
Ich versuche zu verstehen, wie diese eigenartige Landschaft entstanden ist,
welche Kräfte auf Stein, Felsen, Erde und Sand eingewirkt haben,
wie Eis und Wasser sich ihren Weg gebahnt, das Fjell abgeschliffen und das Gebirge geformt haben.
Ich versuche, die Dimensionen und ihre Bedeutung zu erfassen, auch wenn sie nicht begreifbar sind.

Ich wertschätze die Geduld und die Höflichkeit der norwegischen Menschen, die uns mit ihrem unendlichen Stolz ihr Land nahe bringen und uns seine Erdgeschichte vermitteln wollen.

Denn nur wer die Natur versteht, kann sie bewundern, so lautet die Botschaft im „Norsk Natursenter Hardangervidda“.

Wir sollten dankbar und demütig sein.