Allgemein, kreatives Schreiben

Der kreative Prozess beim Schreiben

 

Literarisches Schreiben ist eine Form der visuellen Kunst. Und Kunst entsteht durch einen schöpferischen Akt. Schreiben ist ein immer währender kreativer Prozess, der das eigene Denken und die Sichtweise auf die Welt verändern kann.

Die Kunst ist eine Tochter der Freiheit.“
(Friedrich Schiller)

Deshalb betone ich in meinen Kursen zum literarischen Schreiben immer wieder, wie wichtig es ist, dass wir Zugang zu unseren kreativen Gedanken, Ideen, Schätzen finden und zu den subtileren und verborgenen Bereichen in unserem Wissen vordringen. Denn nur so können wir authentisch sein und eine Tiefe in unseren Geschichten erreichen, die auch andere Menschen anspricht und berührt.

Irrglauben und Missverständnisse über den Plot

Dennoch erlebe ich immer wieder, dass beim so genannten kreativen Schreiben der Fokus auf den Plot gelegt wird. Dabei ist vielen Schreibenden gar nicht klar, was genau unter dem Begriff des Plots zu verstehen ist. In der Literaturwissenschaft und der Erzähltheorie gibt es drei missverständliche Deutungsweisen:

  1. Der Plot wird häufig mit der Handlungslinie gleichgesetzt.
    Die Handlungslinie ist eine Kurzbeschreibung der Handlung einer Geschichte.
    Sie ist an der dramatischen Struktur ausgerichtet, also an dem Aufbau Ausgangslage – Konflikt – Lösung. Die Handlung wird anhand einer chronologischen Abfolge entwickelt.
  2. Der Plot wird mit der Prämisse gleichgesetzt.
    Die Prämisse ist die treibende Kraft der Geschichte, die den Autor durch die Handlung leitet und zu dem Konflikt und schließlich der Lösung zustrebt.
  3. Der Plot ist mehr als die Chronik von Ereignissen.
    Der Plot ist eine Kette von Zusammenhängen aus Ursachen und Wirkungen, die zwischen Handlung und Verhalten laufend ein Muster erzeugen („Warum geschieht etwas?“). Der Plot wirft eine Frage auf und der Handlungshöhepunkt beantwortet sie.
  4. Davon zu unterscheiden ist dann das Thema der Erzählung.
    Das Thema ist das, wovon die Geschichte handelt, das, was eine Erzählung behandelt. Man könnte auch sagen: Die Prämisse.

Egal, welcher Deutungsweise wir folgen, der Plot ist immer handlungsorientiert. Die Handlung einer Ezählung wird aber von ihren Figuren bzw. Charakteren gesteuert.
Also muss ich mich zunächst auf die Figuren konzentrieren!
Erst durch die Motivation der Hauptfigur, durch ihre Wünsche und durch ihren inneren Antrieb werden die einzelnen Handlungselemente, die wie Perlen auf einer Kette aneinander gereiht sind, zu einem zusammenhängenden Ganzen verknüpft, bei dem jedes Element der Geschichte folgerichtig auf dem vorangegangenen aufbaut.

Entdecke die musische Seite in dir!

Aber zurück zum kreativen Prozess des Schreibens:
Die Entwicklung des Plots gehört zum Komponieren und Konstruieren einer Geschichte. Hierzu ist logisches und systematisches Denken erforderlich, das Denken „mit dem Kopf“. Der Inhalt einer Erzählung aber sprudelt aus einer Quelle, die nicht dem vernunftbetonten Denken zuzuordnen ist, sondern dem ganzheitlichen Denken in Bildern, Farben und Melodien. Deshalb ist es wichtig, dass wir die musische Seite in uns entdecken. Dass wir in den Flow geraten, in den Schreibfluss, der uns mit seinen Wellen mitreißen kann, so dass die Worte und Sätze nur so aus uns heraussprudeln, der aber manchmal auch nur vor sich hin tröpfelt, so dass wir ihm jedes Wort abringen müssen.
Wir müssen uns diesem Flow hingeben und dürfen nichts erzwingen wollen.

 

Allgemein, kreatives Schreiben

Die Essenz des literarischen Schreibens

Soll ich ein Konzept für mein literarisches Schreibprojekt erstellen oder soll sich die Geschichte im Laufe des Schreibens aus sich selbst heraus entwickeln und erst dadurch Kontur erhalten?

Planen oder drauflos schreiben?

Wenn wir davon ausgehen, dass das literarische Schreiben ein Prozess ist, der in vier Phasen verläuft, für die wir unterschiedliche Schreibenergien benötigen (siehe hierzu den Beitrag Die 4 Phasen des Schreibens), dann stehen am Anfang die wilden und unausgegorenen Ideen von Mad(wo)man, dem verrückten, kreativen Geist, der Ideen generiert und der von der bildhaften Vorstellungskraft lebt. Aber irgendwann muss der Architect eingreifen und dem Ideenfluss eine Struktur verleihen. Denn sonst laufen wir Gefahr, mitten beim Schreiben die Orientierung zu verlieren. Das ist häufig der Grund dafür, dass Autoren ihre Schreibprojekte nicht fortführen und beenden: Sie schaffen es nicht, ihre Ideen zu verknüpfen und den Verlauf der Geschichte festzulegen. Irgendwann versanden die Ideen.

Die Prämisse – ein altes Missverständnis

Eine wichtige Strukturierungshilfe kann die so genannte Prämisse ein – ein Begriff aus der Erzähltheorie, der in Kursen zum kreativen Schreiben häufig gebraucht und blind wiederholt, aber nie zutreffend erklärt und erst recht nicht verstanden wird.

Die Prämisse ist die Essenz dessen, was eine Geschichte zu beweisen versucht.“
(Lajos Egri, The Art of Dramatic Writing, 1946/1960, S. 1)

Das Konzept der Prämisse hat Egri ursprünglich für die dramatische Struktur entwickelt, für das Schreiben von Theaterstücken. Jedem Drama müsse eine Prämisse zugrunde liegen, an der sich die Handlungsführung und die Entwicklung der Charaktere zu orientieren und sich unterzuordnen haben. Egri geht außerdem von einem strikten Aufbau aus, bestehend aus Anfang, Höhepunkt (Konflikt), Schluss (Lösung), durch den ein Spannungsbogen erzeugt werden soll. Doch ist diese streng einzuhaltende schematische Vorgehen nicht für alle Formen des literarischen Schreibens geeignet, vor allem nicht für Romane und Kurzgeschichten. Denn nicht alle literarischen Werke folgen der Struktur eines typischen Hollywood-Spielfilms. Bei der Erzählmethode nach Egri besteht vielmehr die Gefahr, dass die Figuren zu klischeehaft gezeichnet werden und der Handlungsablauf mit seinem Konflikt zwischen Protagonist und Antagonist zu wenig Raum für die Entwicklung der Charaktere lässt.

Was ist mein Anliegen beim literarischen Schreiben?

Viele Schreibende haben daher Probleme mit der Prämisse, bedeutet sie doch, dass wir bereits vor (prä) Beginn des Schreibprozesses wissen sollen, wie die Aussage, die Botschaft unserer Erzählung lauten soll. Häufig wissen wir aber selbst noch nicht so genau, wohin unsere Geschichte laufen wird und fühlen uns durch eine strenge Vorgabe eingeschränkt. Vielen fällt es schwer, eine prägnante Formulierung oder Redewendung zu finden, wie „gebranntes Kind scheut das Feuer“ oder „der frühe Vogel fängt den Wurm“ o. ä. Zutreffender ist es deshalb, vom Anliegen oder von der Botschaft des literarischen Schreibens zu sprechen, von der Antriebskraft, die einer fiktiven Erzählung zugrunde liegt. Wichtig ist die Aussagekraft einer Geschichte. Was wollen wir unseren Leser/innen mitteilen, was von unserer Sichtweise über das Leben wollen wir ihnen vermitteln?

Was will ich mit meinem Schreiben bewirken? 

Wenn uns dies klar ist, haben wir ein Ziel, auf das wir hin schreiben können. Es ist hilfreich, wenn wir zu Beginn oder während des literarischen Schreibens unser Anliegen definieren. Unsere Aussage legt den Verlauf der fiktiven Geschichte fest und verhindert, dass wir uns selbst mit unseren kreativen Ideen aus den Augen verlieren. Die fiktive Geschichte wird in sich stimmig, ohne dass wir ständig den inneren Kritiker einschalten müssen, der kontrollieren will, ob wir das Konzept der dramatischen Struktur einhalten oder nicht. Die Geschichte entwickelt sich von selbst und wir haben den Freiraum, auch andere Formen des literarischen Schreibens auszuprobieren, Mosaikstrukturen, Collagen, Textexperimente Kürzestgeschichten etc.

 

Allgemein, kreatives Schreiben

Schreibübung 4: Beobachtungsgabe

Inhalt

Nachdem wir Ideen für unser literarisches Schreibprojekt gesammelt und unseren Wortschatz angeregt haben, gilt es hellwach und aufgeschlossen zu sein, damit unsere Schreibenergien fließen und wir sie nutzen können. Wir können unsere Beobachtungsgabe und Wahrnehmung schärfen, indem wir uns den Eindrücken um uns herum öffnen, Unbekanntes an uns heranlassen und neue Wege beschreiben.
Nur so können wir etwas erschaffen, was zuvor nicht existierte, nämlich eine von uns erdachte Welt mit einer fiktiven Handlung und fiktiven Personen.

Aufgabe

Teil 1: Notieren

  • Begib dich an einen belebten Ort (Park, Brunnen) oder Raum (Café, Restaurant, Museum) und beobachte genau, was du um dich herum siehst und erlebst.
  • Ist es ein ruhiger oder hektischer Ort?
  • Welche Menschen sind dort, wie sehen sie aus? Welche Kleidung tragen sie?
    Wie bewegen und benehmen sie sich? Was tun sie? Unterhalten sie sich?
  • Was nimmst du sonst noch wahr (Gebäude, Tiere, Pflanzen, Gegenstände…)?
  • Welche Sinneseindrücke nimmst du auf (Gerüche, Geräusche, Geschmack…)?
  • Notiere alles, was du wahrnimmst.

Teil 2: Skizzieren

  • Gehe vom Notieren zum Skizzieren über, das bedeutet:
  • Beschreibe skizzenhaft, in kurzer, knapper Sprache einen Bildausschnitt, den du vor dir siehst oder beobachtest.
  • Lasse daraus eine bildhafte Szene, einen kleinen Handlungsablauf entstehen.
  • Skizziere das Portrait einer Person, die du in deinem Bildausschnitt siehst und charakterisiere sie. Denke dir eine Geschichte zu dieser Person aus.
    Warum ist sie gerade an diesem Ort? Was führt sie her? Was treibt sie an?

Teil 3: Veränderungen wahrnehmen

  • Suche diesen Ort oder Raum häufiger auf, zu unterschiedlichen Zeiten.
  • Was verändert sich – an der Umgebung, an den Menschen, an dem Geschehen?
  • Mache Momentaufnahmen wie mit einer Fotokamera und skizziere sie.
    Konzentriere dich dabei auf einen bestimmten Bildabschnitt.
  • Lasse eine Geschichte mit zeitlichem Ablauf daraus entstehen.

Ziel

Diese Schreibübung fördert die Aufmerksamkeit und das bildhafte Denken, indem wir Orte, Personen und Geschehen als Bilder und Bildausschnitte wahrnehmen, die sich zu einer Szene zusammensetzen. Das Notieren und Skizzieren regt dazu an, regelmäßig zu schreiben. Der kurze und knappe Schreibstil ermöglicht uns, sofort loszuschreiben und uns zugleich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Wenn wir beginnen, eine fiktive Geschichte daraus zu entwickeln, können wir unsere Notizen und Skizzen ausschmücken und ausmalen.

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Allgemein, kreatives Schreiben

Die 4 Phasen des literarischen Schreibens

Inspiration, bildhafte Vorstellungskraft und kreative Schöpfungskraft allein reichen nicht aus, um fiktive Literatur zu schreiben. Literarisches Schreiben ist auch Arbeit, wir müssen ein Konzept erstellen und dies ausfüllen, damit unsere Texte Struktur erhalten.

Literarisches Schreiben ist ein Prozess.

Wir durchlaufen beim literarischen Schreiben mehrere Phasen, die auf unterschiedliche schöpferische Kräfte gerichtet sind. Wir müssen diese Schreibphasen und die damit verbundenen Schreibenergien (er)kennen und sie während des Schreibens bewusst an der Stelle einsetzen, wo sie uns hilfreich sind und den Schreibfluss fördern können. Tun wir das nicht und versuchen wir, die Schreibenergie einer bestimmten Phase an einer anderen Stelle zu nutzen, so kann eine Schreibblockade entstehen.
Wir müssen uns darüber bewusst sein, dass das literarische Schreiben in einem Prozess verläuft und dass wir nicht immer zielgerichtet und linear dabei vorgehen können.

Das Gebäude des literarischen Schreibens

Beim literarischen Schreiben bilden, schaffen, erstellen wir ein Werk aus Worten und Sprache. Deshalb lässt sich der Schreibprozess auch mit der Errichtung eines Gebäudes vergleichen. Dr. Betty Sue Flowers hat hierzu 1979 das System Roles and the Writing Process entwickelt. Sie hat den einzelnen Phasen des Schreibens verschiedene Schreibenergien zugeordnet und diese zur Veranschaulichung wie folgt benannt:

(1) Madman: Der (verrückte, wilde) kreative Geist, der Ideen generiert.

(2) Architect: Der Architekt und Planer, der sicherstellt, dass die Struktur zum angestrebten Ziel passt und solide ist.

(3) Carpenter: Der Baumeister, der das Werk – den Text – errichtet und gestaltet.

(4) Judge: Der Richter oder Sachverständige, der das Werk daraufhin überprüft, ob alles richtig gemacht wurde.

Jeder dieser vier Charaktere repräsentiert eine bestimmte intellektuelle Funktion oder Aufgabe, die wir als Autoren durchlaufen müssen.

Mad(wo)man

So steht Mad(wo)man hauptsächlich für die bildhafte Vorstellungskraft sowie die Fähigkeit, Potenzial zu entdecken und Ideen zu entwickeln.
Aus der Sicht des Judge – also der Schreibenergie, die erst in der letzten Phase des Schreibprozesses eingesetzt werden sollte – arbeitet der Madman nachlässig und schludrig. Deshalb kommt es in dieser Phase des Schreibprozesses häufig vor, dass der Judge die Rolle des inneren Kritikers übernimmt und das gesamte Schreibprojekt – einschließlich unserer persönlichen Fähigkeiten – in Frage stellt und es ablehnt.
Der Madman muss vor dem Judge geschützt werden, damit er die kreativen Ideen nicht von vornherein zensiert und blockiert. Daher müssen wir dem Judge in einem inneren Dialog seinen Platz in einer späteren Phase des Schreibprozesses zuweisen.

Architect

Der Architect hat die Aufgabe, einen Gliederungsentwurf für unser Schreibprojekt zu erstellen. Die Schreibenergie des Architect können wir sinnvoll nutzen, indem wir die Ideen des Madman arrangieren. Dabei brauchen wir zunächst keine bestimmte Ordnung einzuhalten. Der Architect entwickelt eine Vorstellung davon, wie die einzelnen Teile sich zum ganzen Werk verhalten können und bringt schließlich die ungeordneten Ideen und Gedanken nach und nach in eine lineare Reihenfolge. Daraus entsteht ein erster Entwurf, eine Gliederung oder ein Raster.

Carpenter

Nachdem der Architect seine planerische Arbeit getan hat, ist es an der Zeit, die geistigen Fähigkeiten des Carpenter‘s einzusetzen. Der Carpenter verrichtet die eigentliche Schreibarbeit. Da der Madman und der Architect die Vorarbeit geleistet haben, braucht er diese nur umzusetzen und in Worte zu fassen. Das Schreiben in dieser Phase verläuft flüssig und ohne Anstrengung. Buchstaben, Worte, Sätze und Absätze reihen sich mühelos aneinander. Sollten in dieser Phase wider Erwarten Hindernisse oder gar Blockaden auftreten, so liegt das daran, dass wir nicht zuvor die Energien von Madman und Architect eingesetzt haben und kopfmäßig versuchen, etwas zu konstruieren. Der Carpenter schöpft aus den Ideen und Plänen von Madman und Architect, kann sie aber nicht selbst produzieren.Der Text, den wir mit Hilfe der Schreibenergie des Carpenter’s erstellt haben, ist die Rohfassung unseres Werks.

Judge

Nun endlich darf der Judge seine Aufgabe wahrnehmen, den Text in seiner Gesamtheit umfassend und sorgfältig zu überprüfen. Dabei gilt es die Ecken und Kanten zu glätten, an Formulierungen zu feilen, grammatikalische und sprachliche Fehler zu beseitigen und Unebenheiten zu bereinigen. Da der Judge sehr kritisch und vernunftbetont vorgeht, ist es für uns als Autoren sinnvoll, zunächst Abstand zum eigenen Text zu gewinnen, damit das Überarbeiten nicht zu schmerzhaft wird.
Auch in dieser letzten Phase des literarischen Schreibens darf der innere Kritiker nicht zu viel Macht über uns gewinnen. Deshalb empfiehlt es sich, den gesamten Text zunächst einmal im Ganzen durchzulesen und zu überprüfen, ob wir alles zum Ausdruck gebracht haben, was wir ausdrücken wollten. Der Text sollte alles abdecken und insgesamt eine logische und in sich stimmige Struktur mit einem roten Faden aufweisen. Erst im zweiten Durchgang der Überarbeitung achten wir auf sprachliche Ungenauigkeiten, überflüssige oder fehlende Worte, umständliche Satzkonstruktionen sowie um Schreib- oder Grammatikfehler und bereinigen diese.

Beteilige alle aufgezeigten Schreibphasen und die ihnen zugeordneten schreiberischen Energien in deinem Schreibprozess!

 

 

 

 

 

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Schreibübung 3: Wortschatz

Inhalt

Das Handwerkzeug des literarischen Schreibens ist die Sprache.
Aus der Quelle unserer Fantasie schöpfen wir Bilder, die sich dann zu Worten formen.
Damit die Leser/innen diese Bilder und Worte nachvollziehen können, muss jede/r Autor/in ihren/seinen eigenen Schreibstil entwickeln, die eigene Ausdrucksform finden und die eigene Art, Geschichten zu erzählen.
Um die für uns richtigen Worte finden zu können, müssen wir unseren Wortschatz erweitern.

Aufgabe

1. Teil: Zeile eines Gedichts

  • Sieh dir diese Zeilen eines Gedichts an:

O schau, sie schweben wieder – Wie leise Melodien – Vergessener schöner Lieder – am blauen Himmel hin!“ (Hermann Hesse)

  • Diese Zeile soll Ausgangspunkt für deine eigene Geschichte sein.
  • Ändere die Worte um, indem du neue Begriffe suchst.
  • Erweitere den Text, so dass allmählich eine Geschichte in Prosa daraus entsteht.

2. Teil: Anfang einer Szene

  • Betrachte diesen Anfangssatz einer Erzählung:

Ich hatte mir nichts dabei gedacht, als ich den kleinen gelben Bleistiftstummel auflas, der auf dem gepflasterten Weg […] lag.“ (Franz Hohler)

  • Dieser Satz soll der Anfang für deine eigene Geschichte sein.
  • Lasse die Szene vor deinem inneren Auge entstehen.
  • Schreibe die Worte auf, die dir zu der Szene einfallen.
  • Versuche möglichst viele Worte zu finden, die zu einem Bild passen.
  • Setze die Szene fort, so dass allmählich eine Geschichte mit Handlung und Personen, vllt. auch mit Dialogen daraus entsteht.

Ziel

Diese beiden Übungen dienen dazu, den Wortschatz zu erweitern.
Gedichte sind verdichtete Sprache und sind dem bildhaften Denken am Nächsten.
Das Lesen von Gedichten fördert die Vorstellungskraft, die wir dazu nutzen können, selbst Bilder und Worte entstehen zu lassen.
Die Darstellung einer Szene fördert ebenfalls das bildhafte Denken und damit die Entstehung und Entwicklung unseres Wortschatzes, den wir für das literarische Schreiben benötigen.

Allgemein, kreatives Schreiben

Inspiration und literarisches Schreiben

Das literarische Schreiben lebt von der Inspiration, also von der geistigen Eingebung, einem unerwarteten Einfall als Ausgangspunkt für die kreative Schöpfungskraft.
Doch wo bekommen wir die Ideen her?

Die Quelle der Inspiration

Die Quelle der Inspiration liegt in uns selbst. Wir tragen einen Erfahrungsschatz aus implizitem (stillem) Wissen in uns, aus dem wir schöpfen können. Kreative Gedanken entstehen aus Dingen, die wir erlebt haben, Informationen, die wir gehört, gelesen, gesehen, gefühlt und scheinbar wieder vergessen haben, die aber in unserer Erinnerungskiste abgelegt und zu unserem unbewussten Gedächtnis geworden sind.
Wir können uns diese inneren Schätze nur wieder zugänglich machen, indem wir gerade nicht – wie wir es häufig gewohnt sind – zielgerichtet und bewusst denken. Denn dann folgen wir nur unseren alten Denkmustern und können keine neuen Wege betreten.
Was wir brauchen ist Begeisterung für neue Ideen und Einsichten!
Doch wie kann es uns gelingen, an diesen verborgenen Erfahrungsschatz zu gelangen und die schöpferische Kraft zu nutzen? Das Wissen steckt in unserem Können!

Bildhafte Vorstellung vs. verkopftes Denken

Wir müssen unsere bildhafte Vorstellungskraft nutzen, denn die Bilder existierten lange, bevor es die Sprache gab und die Sprache entstand und entsteht aus Bildern.
Die bildhafte Vorstellung steht im Gegensatz zum verkopften Denken, bei dem wir versuchen, zielgerichtet und bewusst etwas zu errichten, herzustellen oder zu konstruieren. Die Literaturwissenschaften und ihr folgend die neuzeitliche deutschsprachige Literatur basieren auf diesem verkopften Denken. Daher werden von der Fachwelt häufig nur solche Romane als literarisch wertvoll und hochwertig angesehen, die vom Verstandesdenken getragen sind, die unbewusste schöpferische Energie aber nicht zulassen, so dass sie die Leser/innen nicht ansprechen oder berühren.
Als Beispiel möchte ich hier den vielfach gelobten Roman „Kraft“ von Jonas Lüscher nennen, der ein intellektuelles philosophisches Thema zum Gegenstand hat und mit Problemen des Neoliberalismus verbindet, dessen Figuren aber flach und leblos wirken und deren Handlungen nicht nachvollziehbar sind.
Hingegen können Romane, die sich mit alltäglichen Geschehnissen und persönlichen Konflikten befassen, durchaus menschlich bedeutsame Lebensfragen, philosophisch tiefgreifende Gedanken und psychologische Erkenntnisse beinhalten und müssen keineswegs oberflächlich und unbedeutend sein. Auch hier möchte ich ein Beispiel einfügen: „Aus der Welt“ von Douglas Kennedy, in dem die Lebensgeschichte einer intelligenten, selbstständigen Frau erzählt wird, die tief verletzt in eine Depression gerät und wieder den Weg zurück ins Leben findet. Dieser Roman ist bewegend und regt zum Nachdenken über die Lebensgestaltung moderner Frauen in der heutigen Zeit an.
Wichtig für das literarische Schreiben ist daher, dass wir die Bilder und Empfindungen, die wir in uns selbst hervorrufen, so in Worte fassen, dass sie für unsere Leser/innen nachvollziehbar, nacherlebbar werden.

Methoden zur Anregung der Schöpfungskraft

Es gibt viele Methoden, Ideen zu erwecken und den Schreibfluss in Gang zu bringen.
Die Schreibübungen, die wir auf dieser Website vorstellen, sind eine von vielen Möglichkeiten. Sie regen das bildhafte Denken und die Vorstellungskraft an.
Und vor allem kommt es darauf an zu schreiben, schreiben, schreiben!
Ansonsten hat jede/r Künstler/in und jede Autorin, jeder Autor ihre/seine eigene Art, den Schaffensprozess zu fördern. Die nachfolgenden Techniken können daher nur Vorschläge und Anregungen sein, aber kein Patentrezept enthalten, das für alle gleichermaßen wirksam ist.

Notieren

Schreibe regelmäßig, notiere und skizziere!
Führe ein Tagebuch und/oder trage immer ein Notizbuch bei dir.
Notiere, was dir gerade an Gedanken in den Kopf kommt, beobachte die Menschen und die Umgebung um dich herum und schreibe auf, was du siehst und sonst noch wahrnimmst. Fertige Skizzen an von Szenen und Ereignissen, die du im Alltag erlebst.
Lege das Notizbuch auch neben dein Bett, denn die Zeit kurz vor und nach dem Einschlafen bringt häufig unbewusste Gedanken und Ideen hervor.

Zeit und Stille

Nutze die Zeit und die Stille, in der du nichts tust.
Lasse die Gedanken fließen, ohne an etwas Bestimmtes zu denken.
Höre auf das Ticken einer Uhr, schaue in die Flamme einer Kerze oder lausche auf das Tropfen des Regens an deinem Fenster…
Erlaube dir Wachträume.
Oder bleibe morgens ein paar Minuten länger im Bett liegen und hänge deinen Nachtträumen und/oder deinen Gedanken nach.

Anregende Orte und Tätigkeiten

Suche anregende Orte auf und probiere neue Tätigkeiten aus.
Erkunde deinen Wohnort, als wärst du zu Besuch oder ein/e Tourist/in.
Fahre mit dem Zug und schaue auf die Landschaft.
Setze dich in ein Café und beobachte die Menschen und die Umgebung.
Mache Ausflüge in die Natur, wandere durch den Wald oder Park, setz dich an den Strand oder an das Ufer eines Flusses.
Gehe ins Museum oder in eine Ausstellung.
Höre Musik und gehe in ein Konzert.

Anregende Mittel

Genussmittel in Maßen sind erlaubt.
Vor allem eine Tasse Tee oder Kaffee kann die Kreativität und den Gedankenfluss anregen. Ebenso Schokolade.
Doch vermeide Alkohol, weil er die Gedanken benebelt.

Rituale

Entdecke deine eigenen Rituale.
Räume deinen Schreibtisch auf, spitze deinen Bleistift, koche dir eine Tasse Tee, höre die Musik, die dich zum Schreiben anregt,  bevor du mit dem Schreiben beginnst.
Oder, oder, oder…

 

 

 

 

 

 

 

Allgemein, kreatives Schreiben

Schreiben, schreiben, schreiben!

Literarisches Schreiben ist eine Form der visuellen Kunst, Ausdruck unserer inneren Bilder und Gestaltung der Sprache. Wie bei jeder anderen Kunstform, etwa Malerei, Musik oder Tanz, sind Talent und Schöpfungskraft unverzichtbar. Vor allem aber müssen wir das Handwerk des Schreibens erlernen und anwenden. Die einzige Art, das literarische Schreiben zu erlernen ist das Schreiben.

Es gibt keinen anderen Weg!

Musiker/innen benötigen viele Jahre des Übens, bis sie ihr Instrument spielen und Musikstücke vorführen und interpretieren können. Auch als Autor/in brauchst du diese Zeit, bis du deine Ausdrucksweise, deine eigene Art, Geschichten zu erzählen, gefunden hast und deine Erzählsprache beherrschst. Es reicht nicht aus, dass du beschließt, einen Roman zu schreiben, nur weil du gerne Fantasy, historische Romane oder Krimis / Thriller liest, dich hinsetzt und einfach drauf los schreibst. Ebenso wie ein/e Musiker/in musst du üben, üben, üben. Auch eine Fantasy-Geschichte muss hinsichtlich Figuren, Ort, Zeit und Handlung stimmig sein, ein historischer Roman muss gut recherchiert und in der dieser Zeit angemessenen Sprache geschrieben sein und ein Krimi / Thriller muss gut konstruiert und glaubwürdig sein. Um dies zu erreichen, musst du schreiben, schreiben, schreiben!

Unser Schreibgerät ist unser Werkzeug und unser Instrument.

Durch den Stift oder die Tastatur übertragen wir unsere Gedanken, Ideen, Bilder, Empfindungen auf das Papier. Du musst nicht Literatur- oder Sprachwissenschaften studiert haben, um selbst literarische Fiktion schreiben zu können. Ein solches Studium vermittelt, wie literarische Texte interpretiert werden, hat also eine analytische Herangehensweise. Das literarische Schreiben aber ist ein produktionsorientierter Umgang mit Literatur. Das Lesen und Analysieren von Texten kann uns jedoch helfen, unseren Wortschatz zu erweitern und unseren Sprachstil zu schulen.

Das literarische Schreiben ist ein immer währender Prozess.

Wir können unseren Schreibfluss fördern, indem wir die Quelle unserer Fantasie anzapfen, unsere Schöpfungskraft. Dies geschieht am besten durch Schreibübungen, wie wir sie auf dieser Website anbieten. Es sind kleine Lockerungs- oder Fingerübungen, bei denen es darum geht, alles niederzuschreiben, was uns gerade zu einem bestimmten Thema in den Sinn kommt, die Worte assoziativ fließen zu lassen, ohne zu lange zu überlegen, zu hinterfragen, zu kritisieren und zu blockieren.
Wenn wir auf diese Weise unseren Schreibfluss in Gang gesetzt haben, können wir mit der eigentlichen Arbeit des literarischen Schreibens und der Sprachgestaltung, der Konstruktion und Komposition unserer Geschichten beginnen.