Allgemein, kreatives Schreiben

Gibt es den fiktiven Erzähler?

Ein weiteres Thema, das in Kursen zum kreativen Schreiben immer wieder behandelt wird, ist die Erzählperspektive. Doch genau so wie bei den Themen „Plot“, „Dialoge“, „dramatische Erzählstruktur“ wird nicht hinterfragt, was es damit eigentlich auf sich hat. Vor allem aber wird nicht erklärt, weshalb die Erzählperspektive für uns als Autoren des literarischen Schreibens so wichtig sein soll.

Der Mythos von der Erzählperspektive

Vielen von uns ist das Thema der Erzählperspektive im Schulunterricht oder im Studium begegnet, wenn es darum ging, fremde Texte zu analysieren. Ich fasse hier die wesentlichen Punkte kurz zusammen:

  • Personale Erzählperspektive:
    • Die Geschichte wird durch die Augen des Protagonisten in der Ich- oder Er-/Sie-Form erzählt.
    • Wir erfahren etwas über das Innenleben des Protagonisten, aber nichts über die Gedanken und Gefühle der anderen Figuren.
    • Dadurch können wir uns mit dem Protagonisten identifizieren.
  • Auktoriale Erzählperspektive:
    • Der Erzähler ist allwissend und kommentiert das Geschehen
    • Er steht als Beobachter außerhalb der Geschichte und hat eine Distanz zu der Hauptfigur und dem Geschehen.
    • Wir erfahren alles über die Personen, ihre Gedanken und Gefühle, sowie über sämtliche Handlungsstränge.
  • Neutrale Erzählperspektive:
    • Der Erzähler schildert das Geschehen sachlich neutral von außen.
    • Wir erhalten keinen Einblick in das Innenleben der Figuren.

Diese Unterteilung der Erzählperspektiven stammt aus den Literatuwissenschaften, speziell aus der Erzähltheorie. Sie ist also von Bedeutung, wenn wir Texte analysieren und bestimmte Erzählsituationen untersuchen und interpretieren wollen. Als Autor*innen literarischer Texte schreiben und gestalten wir aber selbst fiktive Texte. Deshalb sollten wir uns zwar darüber bewusst sein, welche Wirkung wir bei den Leser*innen hervorrufen, wenn wir eine bestimmte Erzählperspektive einnehmen; wir sollten aber nicht anfangen, unsere Texte selbst zu analysieren und uns dadurch in unserer Gestaltungskraft einschränken.

Der Mythos vom fiktiven Erzähler

In meinen literarischen Schreibkursen bereitete es den Schreibenden enorme Schwierigkeiten, das Modell der Erzählerspektive zu verstehen oder gar zu erklären. Das liegt meiner Ansicht nach daran, dass in der Literaturwissenschaft von einem fiktiven Erzähler ausgegangen wird, einer fiktiven Erzählinstanz, die sich vom Autor unterscheidet. Dementsprechend lauten die Ratschläge des kreativen Schreibens:

  • Autor und Erzähler sind nicht identisch.
  • Der Autor schreibt, aber der Erzähler erzählt.
  • Der fiktive Erzähler ist selbst Bestandteil des fiktiven Geschehens.

Das ist für Schreibende absolut verwirrend, weil Erzählperspektive und Erzähler vermischt werden. Wir sollen nicht selbst die Geschichte erzählen, sondern uns dafür einen – personalen, auktorialen oder neutralen – Erzähler ausdenken, den wir zwischenschalten? In der modernen Erzähltheorie wird deshalb die Institution des fiktiven Erzählers abgelehnt (siehe: Köppe/Kindt, Erzähltheorie. Eine Einführung. Reclam 2014). Hiernach wird nur noch zwischen dem berichtenden Erzähler (reporting narrator) und dem geschichtenerzählenden Erzähler (storytelling narrator) unterschieden.

Meine Erzählstimme finden

Wir sollten uns also nicht zuviel mit dem theoretischen Konstrukt der Erzählperspektive und des fiktiven Erzählers beschäftigen. Viel wichtiger erscheint mir, dass wir unsere eigene Erzählstimme finden: Unsere eigene Art zu schreiben und zu erzählen, unseren persönlichen schreiberischen und künstlerischen Ausdruck, unseren Schreibstil. Diese, meine eigene erzählende Stimme ist unverkennbar und unverwechselbar.

Allgemein

Vom Norden gefangen

Das Zurückkommen fällt mir schwer. Alles erscheint fremd.
Als ich um 11 Uhr am Abend aus dem Zug steige, breitet sich die Dunkelheit aus,
legt sich über mich wie ein dunkles Tuch,
schließt mich ein.
In Fredrikstad schien um diese Zeit noch das weiße Licht des Nordens,
kurz vor der Sommersonnenwende, die Mittsommernacht noch nicht erreicht,
aber der Himmel strahlte türkisblau und nur eine sanfte Dämmerung deutete an,
dass es Nacht war.

Ich finde nicht zurück nach Hause,
in den Alltag, in die Hektik des geregelten Lebens.
Die Idee des Nordens hält mich gefangen.
Das Licht des Nordens ist unbeschreiblich, kräftige, klar konturierte Farben,
hell und leicht und gestochen scharf.
Die Luft kristallklar und rein und unverbraucht.

Auf der Heimfahrt überquerte ich viele Brücken, die die Landstücke wie kleine Kontinente miteinander verbinden.
In der Ferne eine Dunstglocke über der Landmasse, die ich bewohne, und der ich mich nun wieder näherte.
Die Luft vor mir gelb und grau und diesig.
Ich wurde hineingezogen, tauchte ein in die drückende Stickigkeit,
gesättigt von Stäuben, Abgasen, Ausdünstungen,
die den Kopf benebeln, die Schleimhäute verstopfen und die Atemwege belegen.
Wie sollen in dieser Atmosphäre freundliche, offene Gedanken und Worte fließen?
Ich vermisse die norwegische Gemütlichkeit, die dänische Zuvorkommenheit,
die Natürlichkeit und Unverstelltheit der Menschen.

Ich trage das Erlebte meiner Reise in mir, es wirkt in mir nach.
Während ich unterwegs war, zog alles so schnell an mir vorbei.
Ich genoss die Ansichten, die Augenblicke, die Glücksmomente,
aber meinte, nicht alles aufnehmen zu können,
es nicht tief genug wahrnehmen zu können.
Erst nach meiner Rückkehr bemerke ich,
wie tief alle Eindrücke in mich eingedrungen sind und mich geprägt haben.
Bilder, so deutlich, intensiv und farbig wie auf glänzendem Fotopapier,
Erinnerungen an Gerüche, Geräusche, Landschaften, Stimmungen, Menschen und herzerwärmende Begegnungen.
Eine andere Wahrnehmung von mir selbst, meinem inneren ICH.
Ich bin im FLOW und kann gar nicht mehr auftauchen.
Verlangsamt.
Die Zeit hat keine Bedeutung, hat sich aufgelöst.
Ich folge meiner inneren Uhr und lasse mich treiben.
Was bleibt, ist das Gefühl, den ganzen Sommer noch vor mir zu haben.
Eine Welt voller Fülle, Ideen und Versprechungen.

 

Fredrikstad

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Lindholm Høje

Es gibt Orte, an denen spürst du die Menschen der Vergangenheit. So ist es auf Lindholm Høje (Nordjylland) in Dänemark.

Du betrittst das Gelände durch ein Holzgatter, gehst durch einen kleinen Eschen- und Birkenenhain, steigst einen Erdwall hinauf und vor dir breitet sich ein mit hohem Gras bewachsenes Siedlungs- und Gräberfeld aus. Halte inne und schau dich um. Du befindest dich auf einer Anhöhe. In der Ferne erkennst du die Ausläufer der Stadt Aalborg. In der anderen Richtung schlängelt sich das Wasser des Limfjords um sanft geschwungene Hügelkuppen Richtung Meer. Vor dir aber erhebt sich eine unübersehbare Zahl von Steinen und Erdhügeln, Schiffssetzungen, Überresten von Langhäusern und Ackerfurchen – die Hinterlassenschaft der Menschen, die hier über 600 Jahre lang lebten, bis der Flugsand sie vor 1000 Jahren zwang wegzuziehen und dann alles zudeckte.

Spüre den Wind in deinen Haaren, sieh, wie er über die dünnen hellgrünen Grashalme weht, wie er sie streichelt, peitscht und in Wellen legt.

Die Menschen, die einst auf Lindholm Høje lebten, sind anwesend und erzählen dir ihre Geschichte. Wie Bilder auf einer Leinwand erscheinen sie vor der hügeligen Landschaft und werden über der Wiese gegen den Himmel projiziert.

Da ist die ovalförmig angelegte Schiffssetzung, in der die Frau in einem vornehmen, mit großen schildkrötenförmigen Fibula befestigten Kleid bestattet wurde. Ringe, Ketten, Kämme und Gürtel mit verschlungenen Ornamenten schmücken ihre aufrechte Gestalt. Sie war die Obere der Ansiedlung und bestimmte die Geschicke der Menschen in der Gemeinschaft.

Dieser runde Erdhügel gehört zu der Frau, der zahlreiche Haushaltsgeräte mitgegeben wurden, Krüge, Schalen, Kochgeräte, Nähzeug aus Bein. Sie versorgte die Menschen im Ort mit Nahrung und heilte sie, wenn sie krank oder verletzt waren. Sie lebte mit ihrem Clan in dem großen Langhaus mit den ovalförmig zulaufenden Seitenwänden.

Diese dreieckig angeordneten Steine kennzeichnen das Grab eines Kriegers, dem sein Schwert mitgegeben wurde. Er hat vom Seehafen aus in einem Langboot mit geschwungenem hoch aufragenden Bug die Reise über das Meer in ferne Länder angetreten. Vielleicht hat er England gesehen oder ist mit anderen Kriegern in Richtung Osten gerudert und gesegelt, nach Lettland und Ostpreußen. Zuhause hat er das Land der Wikinger gegen Eindringlinge, die mit dem Kreuz kamen und sie bekehren oder beherrschen wollten, mit dem Schwert verteidigt.

Ein Stück weiter den Hügel hinunter liegt der Acker eines Bauern. Die Furchen, die sein Pflug in den Boden getrieben hat, sind deutlich erkennbar. Die Wikinger waren nicht nur das kriegerische Volk, als das sie immer dargestellt werden. Sie waren wissbegierig, erfindungsreich und haben ihr Wissen über das gesamte heutige Europa bis über die Seidenstraße verbreitet. Neue Erkenntnisse haben sie mit zurückgebracht und so ihre Kultur bereichert. Wie bei anderen weit entwickelten Völkern ging ihre Vielfältigkeit durch die Christianisierung verloren.

Der Wind weht über Lindholm Høje und trägt die Geschichten der Menschen, die hier gelebt haben und die hier gestorben sind, mit sich. Du musst nur genau Acht geben, dann hörst und siehst du sie.

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Oldtidsruta

Die Steinritzungen entlang der Oldtidsruta, der altertümlichen Route in Fredrikstad (Norwegen), enthalten erste Schriftzeichen der Menschen im Norden, die eine Geschichte erzählen. Botschaften und uraltes Wissen, vor mehr als 2000 Jahren in Felsen aus Sandstein geritzt. Wikingerschiffe und Menschen auf ihrer Fahrt in unbekannte Welten, in unerforschtes Land jenseits des Meeres. Ich stehe am Rand eines kleinen Waldes, vor dem sich ein langgezogener Felsen mit Felsritzungen auftut. Für unsere Wahrnehmung in der heutigen Zeit sichtbar gemacht durch Einfärbungen in roter Farbe. Der nahegelegene Solbergstarnet, ein modern gestalteter Turm, der die Vergänglichkeit der Zeit veranschaulicht, zeigt an, dass der Meeresrand zu Beginn der Bronzezeit viel höher gelegen hatte. Befände ich mich in der Zeit um 1400 v. Chr., würde ich hier am Ufer stehen und zuschauen, wie die Schiffe mit ihren Rudern das Land, das wir heute Norwegen nennen, verlassen.

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Doch die Schiffe erzählen nicht nur die Geschichte von wissensdurstigen Menschen, die sich auf die Fahrt begeben, um Neues zu erkunden. Auf zahlreichen Felsritzungen entlang der Oldidsruta sind Sonnenschiffe abgebildet, die die Fahrt der Sonne am Himmel symbolisieren – am Tag von links nach rechts am Himmel, in der Nacht von rechts nach links durch die Unterwelt. In Tanum, Schweden, nicht weit von der Grenze zu Norwegen, befinden sich ebenfalls zahlreiche Felder mit Felsritzungen, dort wird die Fahrt der Sonne anhand von Sonnenwagen dargestellt, rad- und scheibenförmige Elemente nach dem Vorbild des Sonnenwagens von Trundholm, zu besichtigen im Nationalmuseum in Kopenhagen.

Die Reise der Sonnenschiffe oder Sonnenwagen, sinnbildlich für den Sonnenkreislauf, wird der nordischen Mythologie zugeschrieben. Die Felsritzungen zeigen aber nicht nur die mythische Sonnenfahrt, sondern symbolisieren auch den Kreis oder Kreislauf des Lebens. Häufig befanden sich in Felsen geritzte Darstellungen von Sonnenschiffen in der Nähe von Gräberfeldern und Schiffssetzungen, was darauf hindeutet, dass damit auch der Kreislauf des Lebens gemeint war. Die Toten wurden mit zahlreichen Grabbeigaben auf die letzte Reise in die Unterwelt geschickt. Die Reise des Sonnenschiffs als letzte Station des Lebens nach Geburt, Heranwachsen und Erwachsensein.
(Siehe hierzu auch den Beitrag über die Wikingergräber bei Lindholm Høje).

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Skjærhalden

Inselhopping in Ostnorwegen, entlang der Schärenküste.
Der Bus bringt mich direkt von Fredrikstad bis nach Skjærhalden.
Wir befahren schmale Felsrücken, überqueren Landbrücken
und dringen tief in einen Tunnel ein, der uns unter dem Meer entlangführt.

Als wir wieder auftauchen, liegt vor uns ausgebreitet das Meer.
Der Küste vorgelagert kleine Felseninseln, nackt und abgerundete Rundhöcker,
sowie mit Büschen und Eschen bewachsene Holmen.

Skjærgård, ein Schärenhof,
und nicht wie es in der deutschen Sprache fälschlich wiedergegeben wird,
ein Schärengarten. Gård ist norwegisch für Hof (englisch Yard).
Der skjærgård ist ein der Landmasse vorgelagerter „Hof“ mit Inseln.
Im Nationalpark Ytre Hvaler Nationalpark vor Kirkøy liegen insgesamt 833 äußere Schäreninseln.

Die Inseln steigen aus dem Meer empor, vom Meeresgrund,
von der Last des Packeises der letzten Eiszeit befreit, hebt sich das Land
aus Gestein, das erdrückt und zusammengepresst worden war.
Die Gesteinsmassen tauchen in Form von vielen kleinen Inseln auf,
abgerundet, abgeschliffen, eingeschnitten und zerklüftet
von dem überströmenden und abfließenden Eis.

Eine Landschaft über und unter Wasser.
Die Tiefe des Wassers nicht ersichtlich.
Die Einbuchtungen, Felsklüfte und Keile setzen sich unter der Wasseroberfläche bis zu einer Tiefe von 470 Metern fort. Eine 200 Meter hohe Felswand verläuft vertikal unter Wasser, an der äußeren Kante des Oslofjords (Hvalerrenna) entlang.
Lebensraum von zahlreichen Tieren und Pflanzen.

Spuren der Eiszeit, die immer noch andauert.

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Schreibübung 11: Dialoge schreiben

Inhalt

Der Dialog in einem fiktiven Text hat die Aufgabe, die Figuren zu charakterisieren und die Handlung voranzutreiben. Die Eigenarten der Figuren und ihre Beziehungen zueinander werden allein durch ihre Art miteinander zu reden, deutlich.

Aufgabe

1. Teil: Vom Fließtext zum Dialog

Schreibe einen vorhandenen Text aus einem Roman (Prosa) in Dialogform um:

  • Nimm dir einen Roman vor, der möglichst viele Beschreibungen enthält. Dazu eignen sich klassische Romane (z. B. Effi Briest oder die Buddenbrooks), aber auch moderne Romane, die etwas umfangreicher sind.
  • Wähle aus diesem Roman einen Abschnitt aus, maximal 1 Seite, in der eine Szene dargestellt wird, in der 2 oder mehrere Personen miteinander agieren.
  • Schreibe diesen Text um, indem du ausschließlich Dialoge verwendest, so wie in einem Drama, mit wechselnden Rollen.
  • Deiner Fantasie sind keine Grenzen gesetzt, du kannst die Handlung verändern, erweitern oder einschränken, wie du willst.

2. Teil: Vom Dialog zum Fließtext

Wähle nun den umgekehrten Weg und schreibe einen Text von der Dialogform in Prosa um:

  • Suche einen Text aus einem Drama heraus (Schiller, Shakespeare, Tennessee Williams o. ä.).
  • Wähle eine kurze Szene aus, wieder maximal 1 Seite.
  • Schreibe diesen Text um, indem du keine Dialoge mehr verwendest, sondern nur noch die Handlung widergibst.
  • Charakterisiere die Personen, beschreibe die Umgebung, erzähle die Handlung.

Ziel

Diese Aufgaben sollen dich dabei unterstützen, dich auf die Gestaltung deiner Figuren zu konzentrieren. Mache deutlich, welche Eigenschaften und besonderen Eigenarten sie besitzen, indem du sie reden lässt. Jede Figur hat ihre eigene Sprache, in der ihr Charakter und ihre Beweggründe zum Vorschein kommen.  Konzentriere dich auf die Art, wie deine Hauptfigur spricht und was sie redet, wie sie mit den anderen Figuren interagiert und wie sie sich von den anderen unterscheidet.

 

Dialog

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Dialoge führen

Dialoge haben in literarischen Texten eine ganz bestimmte Funktion.
Dialog (griechisch Dialogos) ist die Zwiesprache, das Gespräch, die Rede und Gegenrede, das ist der Wortfluss, das Fließen der Worte.

Das Schreiben von Dialogen braucht besonders viel Sorgfalt und Kunstfertigkeit. Denn die wörtliche Rede charakterisiert unsere Figuren und trägt zur Entwicklung der Handlung bei. Die Figuren – und die Gespräche, die sie führen – treiben die Geschichte voran. Siehe hierzu auch den Beitrag Die Figuren erzählen uns ihre Geschichte. 

Die Vorteile des Dialogs im literarischen Text

Wenn ich meine Figuren selbst zur Sprache kommen lasse, wird der Text lebendiger, als wenn ich den Erzähler nur beschreiben lasse, was gerade geschieht, wie die Figuren sich verhalten und was sie denken. Ich kann ein Thema von mehreren Seiten beleuchten, kann verschiedene Positionen gegenübergestellen, kann zwischen ihnen vermitteln oder die Figuren gegeneinander ausspielen.

Dialog ist ein  Text mit verteilten Rollen.

Beim literarischen Schreiben stelle ich eine Szene dar, in die ich meine Figuren hineinsetze, und rege meine Leser*innen zum bildhaften Denken an. Dazu gehört auch, dass die Figuren miteinander reden. In einem Dialog stehen die beteiligten Personen in Beziehung zueinander. Sie kommunizieren. Sie suchen im Dialog die Verbindung zueinander, die Verbindung zwischen verschiedenen (Innen-)Welten und Sichtweisen.

Dialoge in literarischen Texten sind keine Alltagssprache

Dialoge sind eine Kunstform, eine besondere Form der fiktiven Sprache. Deshalb haben unsere Figuren ihre eigene Sprache, ihre eigene Art zu reden. Verwende beim literarischen Schreiben niemals Alltagssprache! Die Leser*innen wollen nicht lesen, was sie täglich in ihrer wirklichen Umgebung hören.

Dialoge wie der folgende sind langweilig, auch wenn wir möglicherweise erfahren, dass sich die eine Figur vom Schicksal benachteiligt fühlt. Der Dialog trägt aber nichts zur Handlung bei.

„Wie läuft es denn mit Lasses Jobsuche?“, fragte sie.
Terese rümpfe die Nase. „Auf die Schnelle scheint der liebe Gott keinen Job zu liefern.“
„Nee, der hat vielleicht auch was anderes zu tun.“
(Camilla Läckberg, Die Schneelöwin)

Kunstfertiger ist dagegen der folgende Dialog:

„Ich hatte mal eine Schildkröte, aber die ist abgehauen.“
„Ach ja?“
„Meine Mom sagt, sie kann überleben, wenn sie’s nach draußen geschafft hat.“
„Wahrscheinlich ist sie tot“, sagte ich.
Clementine nahm das tapfer hin. Sie kam zu mir und hielt ihren Arm an meinen:. „Guck mal, ich hab Sommersprossen wie der Große Bär.“
(Jeffrey Eugenides, Middelsex)

 

Dialog