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Sternenwanderer

Wir sind reine rotierende Energie aus Materieteilchen.
Eine Wolke aus Sternenstaub, ohne Anfang, ohne Ende, ohne Begrenzung.
Wir sind das Universum.
Aus uns entstehen Sonnen, Sterne und Planeten.
Wir sind immer in derselben Menge vorhanden.
Was sich unaufhörlich verändert, ist die Form.
Wir schöpfen, gestalten und bilden die Energie um,
verhelfen der Kraft dazu, sich zu verkörpern.
Gleichmäßig im Raum verteilt, schicken wir das Licht zu den Planeten.
Unser Bote ist das Lichtwesen.
Ein Strom aus Licht,
ein Strahl aus purer Herzensenergie,
das Wesen und der innere Kern des Sternenwanderers.
Ein Lichtstrahl hinter geschlossenen Augen. Für den kurzen Bruchteil einer Sekunde war es gleißend hell. Dann war er wieder in dumpfe Stille gehüllt.
Wieso fiel es ihm so schwer, die Augenlider zu heben? Die geringe Muskelanstrengung verursachte ihm grelle Kopfschmerzen. Um ihn herum Dämmerlicht. Es gelang ihm nicht, den Blick zu fokussieren. Alles schien verschwommen. Direkt vor seinen Augen befand sich nasser, steiniger Boden. Er hörte von einer Wand tropfendes Wasser. Mit der rechten Wange lag er in einer Pfütze. Die Halogenlampe an seinem Helm verbreitete ein blendend weißes Licht über dem feucht schimmernden Boden, über diesen Umkreis hinaus war der alte Bergwerkstollen in tiefe, anthrazitfarbene Dunkelheit getaucht.
Der Bergwerkstollen. Er war in den stillgelegten Grubenschacht des Kohlebergwerks geklettert. Ohne Absicherung.
Vorsichtig schloss er die Augen wieder. Das gleißende Licht zischte wie ein Kometenschweif vorbei. Die durchdringenden Kopfschmerzen wurden stechender. Auch hinter den geschlossenen Augenlidern drehte sich alles. Ein wirbelnder Strom aus blankem Licht.
Er hatte den Stolleneingang in unmittelbarer Nähe zu dem Schachtgebäude in einem Berghang gefunden, hatte das Gitter beseitigt, das den Zugang zum Tunnel abdeckte und war dann in den Berg hinein gelaufen, bis zu dem alten Grubenschacht gelangte. An mehr konnte er sich nicht erinnern. Über sein Gedächtnis breitete sich ein schwarzes Tuch.
Vorsichtig bewegte er Hände und Füße, fühlte nach, ob er verletzt war. Bis auf einige Abschürfungen konnte er nichts feststellen. Vor allem schien nichts gebrochen zu sein. Wenn nur sein Kopf nicht so unerträglich schmerzen würde. Er traute sich nicht ihn zu bewegen. Kein Gedanke daran, aufzustehen. Er begann unkontrolliert zu zittern. Sein Mund war ausgetrocknet, aber er konnte nirgends die Flasche Wasser entdecken, die er vor dem Abstieg in seinen Proviantgürtel gesteckt hatte.

Ein weiterer Lichtschein blitzte auf. Hatte er ihn wirklich gesehen?
Seine Frau fiel ihm ein. Was sie jetzt wohl machte. Vermisste sie ihn? Seltsam, dass so unerwartet ein Bild von ihr erschien. Er hatte nicht mehr an sie gedacht, seit sie sich vor zwei Jahren hatten scheiden lassen. Sie hatten nicht viel Zeit miteinander verbracht. Beiden war ihr berufliches Fortkommen wichtiger gewesen. Einmal im Jahr waren sie gemeinsam in Urlaub gefahren. Ihr Freundeskreis bestand aus Kollegen und ehemaligen Studienkameraden. Außer alltäglichen Dingen hatten sie sich nichts zu sagen.
Sie war es gewesen, die ihn vorantrieb. Sie ermöglichte ihm das Studienjahr und unterstützte ihn, als er an seiner Doktorarbeit schrieb, und zog mit ihm in die Großstadt, wo er eine hochdotierte Stelle als Justitiar bekam. Sie selbst begnügte sich mit einem langweiligen Posten im Staatsdienst. Aber als sie ein Kind wollte und verlangte, dass sie beide sich häuslicher einrichteten, war er nicht bereit gewesen zurückzustecken. Er kam nie zur Ruhe, wollte allen zeigen, wie gut er war, wie erfolgreich er sein konnte.
Nun war er ein geschiedener Mann. Wie sein Vater.
Er schluchzte auf. Tränen zwängten sich hinter den zusammengekniffenen Augenlidern hervor und glitten in die Wasserpfütze auf dem Boden. Er zitterte jetzt heftiger, schlotterte. Es schüttelte ihn durch und durch, so dass die Zähne aufeinander schlugen. Gleichzeitig war es, als würden Kristallspitzen in seinen Kopf dringen. Er stöhnte laut auf. Das Licht schlingerte vor seinen Augen.
Er hatte nie zugegeben, wie sehr er darunter gelitten hatte, dass seine Eltern sich getrennt hatten. Er war 14 Jahre alt, als seine Mutter aus dem Einfamilienhaus am Stadtrand auszog, weil sie die überhebliche Dominanz des Vaters nicht mehr ertragen konnte.

Um ihn herum wurde es dunkel. Schwarze dichte Leere. Nichts. Er glitt in innere Untiefen hinab. Dann hörte er entfernt jemanden leise wimmern. Es dauerte eine Weile, bis er wieder aus der bewusstlosen Leere aufgetaucht war und erkannte, dass er selbst es war, der da vor sich hin jammerte und stöhnte. Er hatte aufgehört zu zittern, traute sich aber immer noch nicht sich zu bewegen. Womöglich wäre es ihm auch gar nicht gelungen. Sein gesamter Körper fühlte sich inzwischen von innen heraus eisig kalt an. Er glitt hinein in die Kälte.
Und irrte auf einem vertrockneten Eisplaneten umher. Vor seinem inneren Auge schwirrte der gleißende Schweif eines vorbeiziehenden Kometen auf. Sternenstaub glitzerte auf, fiel auf ihn hinab. Planeten zogen ihre ellipsenförmigen Bahnen um die Sonne. Am Rande des Universums wachten Kugelwolken über das Gleichgewicht des Raumes. Die Namen der neun Planeten unseres Sonnensystems tauchten wie ein Schriftzug am Firmament auf: Merkur, Venus, Erde, Mars, Jupiter, Saturn Uranus, Neptun, Pluto. “Mein Vater Erklärt Mir Jeden Sonntag Unsere Neun Planeten.” Diesen Merkspruch hatte Mutter ihm beigebracht. Damals zählte Pluto noch zu den Planeten und noch nicht als Zwergplanet eingestuft worden.
Über ihm schwebten phosphoreszierende Sterne und Planeten, Mond und Sonne, genau so, wie sie an der Decke über dem Hochbett in seinem Kinderzimmer geklebt und im Dunkeln geleuchtet hatten. Er tauchte in das Sternenmeer ein und spazierte die Ringe des Saturns entlang. Er verlor sich im Dickicht der Sterne. Genau wie damals, als er mit seiner Mutter das Planetarium in Bochum besucht hatte. Seine Mutter hatte halb liegend zurückgelehnt neben ihm auf dem Sessel gesessen und tief in sich versunken den Sternenhimmel betrachtet. Sie hatten alles um sich herum vergessen, den kuppelförmigen Saal, die anderen Menschen, den großen Projektor, der ihnen das Universum vorspiegelte. Er hatte sich geborgen und beschützt gefühlt. Als die Vorstellung vorbei war und er in das grelle Sonnenlicht des Sommernachmittags hinaustrat, hatte er Schwierigkeiten, in die Wirklichkeit zurückzukehren. Er war verwirrt und orientierungslos. Auf dem Weg in der U-Bahn nach Hause schwieg er. Er stellte sich vor, er sei ein Astronaut. Oder besser noch: Ein Sternenwanderer, der sich ohne Raumschiff und ohne Schutzanzug durch den Weltraum fortbewegte, von einem Planeten zum anderen, von einem Stern zum nächsten, der Sonne entgegen.

War er das gewesen, der da flüsternd wie ein Kind nach seiner Mutter gerufen hatte? Niemals zuvor hatte er sie so sehr vermisst. Bei dem Gedanken an ihr verschwiegenes Lächeln krampfte sich sein gesamtes Inneres zusammen. Solch eine Sehnsucht.
Sie hatten zusammen in dem von der Sonne beschienenen Wintergarten gesessen und mit Aquarellfarben gemalt. Mutter hatte ihre Staffelei vor dem großen Erkerfenster aufgebaut, dort wo das Licht die Farben am wirkungsvollsten hervorbrachte. Er hatte seinen Schulmalkasten auf dem Boden zu ihren Füßen ausgebreitet und tauchte den Pinsel großzügig in die Wasserfarben. Hin und wieder durfte er die Farbkästen seiner Mutter benutzen.
Er liebte es zu malen. Seine Bilder zeigten Raumschiffe, die zum Merkur, zur Venus und zum Saturn flogen. Aber bald schon verließen sie das Sonnensystem, wagten sich weiter in das Weltall hinaus und erkundeten fremde Planeten. Bevor er die Wasserfarben für sich entdeckt hatte, hatte er mit Buntstiften Comicgeschichten gezeichnet, natürlich alles Science-Fiction-Stories. Er hatte sich selbst das Schreiben beigebracht und füllte die Sprechblasen seiner Weltraumabenteuer mit staksigen Druckbuchstaben. Er war oft allein mit seiner überschießenden Phantasie, konnte und wollte sie mit niemandem teilen – außer mit seiner Mutter. Er wurde zum Einzelgänger. Wenn er nicht zeichnete oder malte, streifte er allein durch die Wildnis am Rande der Siedlung und stellte sich vor, er wäre ein Astronaut, der einen unbekannten Planeten erforschte.
Einmal, als er in seinem Bett lag, über sich die phosphoreszierenden Planeten an der Decke, leuchtete ein Blitz auf. Erst glaubte er, es sei ein Gewitter. Aber von draußen war kein Donner zu hören. Er schaute zur Zimmerdecke hinauf und sah dort von einem der Sterne einen Kometenschweif vorbeiziehen. Aber das Licht kam auch nicht von dort oben. Es kam aus ihm heraus. Als er die Augen zukniff, schossen weitere Lichtblitze dahinter entlang. Eine Lichtgestalt formte sich daraus. Sie schwankte durch einen Nebel aus Flimmern und Glitzern auf ihn zu. Gerade als die Lichtgestalt dem Jungen die Hand entgegenstreckte, kam der Vater ins Zimmer. Mit einem lauten Klacken öffnete er die Tür und polterte herein, schreckte ihn aus dem Halbschlaf hoch und beschwerte sich, dass er seine Hausaufgaben nicht sorgfältig genug gemacht habe. Schlagartig war die Lichtgestalt verblasst. Er konnte sie auch nicht wiederbeleben, als er wieder allein im Zimmer war.

Er kam wieder zu sich. Für einen kurzen Augenblick wusste er nicht, wo und wer er war. Er hatte geglaubt, in dem selbst gebauten Hochbett in seinem alten Kinderzimmer zu liegen. Doch dann dämmerte die Erkenntnis wieder. Er war immer noch an demselben kalten und trostlosen Ort wie zuvor. Unbeweglich und starr, dazu verdammt, die Erinnerungen wie Flashbacks zu erleben. Das Licht seiner Helmlampe erlosch. Absolute Dunkelheit und Stille umgaben ihn nun, kein Dämmerlicht mehr. Kein Zwielicht. Nichts. Er lag starr und steif auf dem Boden des alten Grubenschachts. Er war am tiefsten, dunkelsten Punkt angelangt. Und driftete noch tiefer.
Seine früheste Erinnerung reichte zurück bis zu dem Alter, als er drei Jahre war. Er hockte auf dem Boden im Kinderzimmer und steckte ein Puzzle zusammen. Es hatte viele kleine Teile und war eigentlich für ältere Kinder gedacht. Aber es machte ihm unglaublichen Spaß. Er hatte es schon viele Male zusammengelegt und wieder auseinander genommen. Er war so sehr in das Puzzle vertieft, dass er alles um sich herum vergaß. Vor allem hörte er nicht mehr die lauten Stimmen der Eltern aus dem Wohnzimmer. Da war der Lichtstrahl zum ersten Mal aufgetaucht. Die strahlend helle Gestalt war durch das Fenster hereingekommen und warf lustige Lichtflecken auf das Puzzlebild, tanzte mit den aufgewirbelten Staubflusen im Sonnenlicht. Der kleine Junge jauchzte vor Freude auf und versuchte die funkelnden Punkte einzufangen. Er grabschte mit seinen speckigen Fingern danach, aber die Flusen entglitten ihm jedes Mal. Er wurde vom hellen Sonnenlicht beschienen, tauchte freudig darin ein. Das wärmende gelbe Licht hüllte seinen Kopf ein, so dass ihm leicht und beschwingt wurde. Das Leuchten drang in ihn ein und breitete sich von seiner Brust aus über den Bauch und schließlich den gesamten Körper. Er fühlte sich wohlig warm und fröhlich.
So wie damals, als er auf dem Schoß seiner Mutter gesessen hatte, umschlungen von ihren weichen starken Armen, den gleichmäßigen Schlag ihres Herzens an seiner Wange und den beruhigenden Klang ihrer Stimme an seinem Ohr.
“In uns allen wohnt ein Lichtwesen”, hauchte sie ihm zärtlich zu. “Ein Lichtwesen, das uns die Liebe zeigt. Und den Weg zu uns selbst.”

Er konnte nun nichts mehr tun, konnte seinen Kopf nicht heben, konnte nicht aufstehen, nicht fortlaufen. Er konnte auch nicht rufen, seine Stimme würde ungehört verhallen. Vor allem aber gelang es ihm nicht mehr aufzuwachen. Er wurde aus sich herausgezogen, in einen Strudel hineingezogen, aufgesaugt und aufgesogen. Er hatte immer geglaubt, man würde durch einen Tunnel hindurch ans Licht wandern, wenn es zu Ende ging. Aber dort war kein Tunnel mehr, kein Grubenschacht und auch kein Bergstollen. Alles war beleuchtet und von durchscheinender Helligkeit überflutet. Die Wände des Grubenschachts waren verschwunden, als hätte eine unsichtbare Hand sie geöffnet. Die Sonne strahlte herein auf den am Boden liegenden Mann.
Das Lichtwesen erwartete ihn. Und schickte ihm seine Lichtenergie.
Eine Wolke aus Sternenstaub rieselte glitzernd und glänzend auf ihn herab. Sein Geist war so rein und klar wie noch nie zuvor. Er war vollkommen in sonnengelbe Strahlen getaucht. Das pulsierende Licht in seiner Mitte verströmte Kraft und Energie, weitete sich bis ins Unendliche. Sämtliche Formen lösten sich auf.

Er war wieder ein Kind der Sterne.

Er war der Sternenwanderer.

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Die Landkarte meiner Seele

Wenn ich eine Landkarte meiner Seele zeichnete, würdest du ihr folgen und dich auf den Weg begeben in ein unbekanntes Land?

Dann betrachte ihre Abbildungen.

Die Landkarte meiner Seele ist keine physische Karte, die lediglich die Beschaffenheit der Erdoberfläche darstellt und mit der du nur von außen auf meine Erscheinung blicken kannst, wie auf das flüchtige Abbild, das man in einem Schaufenster erhascht oder auf der Wasseroberfläche eines glatten Sees, wie eine Bleistiftzeichnung auf weißem Papier, zweidimensional, flach und oberflächlich, ohne zu erkennen, was sich hinter dem Antlitz verbirgt, hinter der Maske eines aufgesetzten Gesichts, hinter dem äußeren Schein.

Schau genau hin: Die Landkarte meiner Seele enthält Punkte, Linien und Flächen, Figuren, Farben und Schattierungen, Positionsmarkierungen und Bewegungszeichen, Vertiefungen und Erhebungen, verteilt über Ozeane und Küsten, Gebirge und Ebenen, Täler und Schluchten. Du findest verschlungene Pfade und ein Dickicht, hinter dem das Wilde, Dumpfe lauert, mein „Heart of Darkness“, das in dem undurchdringlichen Dschungel lebt und das hinauf ans Licht drängt, das aus dem Dunkel hervor treten, sich zeigen, anerkannt und geliebt werden will. Erforsche die Muster und du wirst bemerken, dass die Landkarte meiner Seele eine thematische Karte ist, vielschichtig und über mehrere Raum- und Zeitebenen angelegt. Erst wenn es dir gelingt, zu den untersten Schichten vorzudringen, wirst du etwas über meine wesentlichen Eigenschaften erfahren, über die Landmarken meines Lebens, über ihre Zusammenhänge mit meiner Geschichte und ihren zeitlichen Veränderungen.

Beginne deine Reise, indem du das Gebirge im Norden erklimmst. Überquere den Pass der Widerstände und des Misstrauens. und mache dich an den Abstieg in das verborgene Gebiet, das auf der Landkarte durch eine dunkle Fläche gekennzeichnet ist. Wandere zwischen Schluchten und Klaftern hindurch und meide die versteckten Abgründe. Begib dich auf den Weg in das zwiegespaltene Land zwischen Vernunft und Spiritualität.

Aber hüte dich vor dem Nebel, der über der Wiese aufsteigt. Er ist zäh und dicht und wird versuchen, dir die Sicht zu nehmen. Wappne dich für die Begegnung mit dem kleinen Mädchen. Wie soll ich dir die Stimmungen und Schwingungen vermitteln, die ich als Kind unterschwellig wahrnahm? Die mich umgaben wie eine dickflüssige Emulsion aus Empfindungen, elektrischen Spannungen und Elementarteilchen, in die ich hineingestoßen wurde, eingetaucht in Nanoteilchen, die sich aufeinander zu bewegten, sich anzogen und sich wieder abstießen und sich in einem unentwegten Zustand der Aufladung und Entladung und Wiederaufladung befanden. An manchen Tagen waren diese kristallinen Wolken schwer und drückten mich nieder. An anderen Tagen umhüllten sie seicht und leicht mein Gemüt. Wie das Ungesagte benennen, wenn es nie ausgesprochen wurde? Wie den Gefühlszustand beschreiben, wenn er nicht erkannt wurde?

Das Ungesagte machte stumm. Still, schüchtern, nach innen gekehrt.

Aber die Gefühle bahnten sich ihren Weg, wollten ausgedrückt werden und sich offenbaren. Sie explodierten aus meinem zarten Körper, so als gehörten sie gar nicht zu mir. Wenn sich der Zorn entladen hatte, hing er in der Luft wie der Rauch aus abgebrannten Feuerwerkskörpern.

Aber Gefühle auszudrücken war verboten.

Und schlau zu sein war nicht erlaubt.

Als ich in die Schule kam, konnte ich bereits lesen und schreiben. Die Lehrerin zeigte uns Kindern, die Buchstaben in die Luft zu zeichnen, die Finger über den Kopf erhoben, Luftbuchstaben, Luftwörter. Wenn ich mich vertan hatte, wischte ich den falschen Buchstaben weg. Die Lehrerin dachte, ich winkte ihr zu. Dann endlich durften die Buchstaben auf das Papier. Schönschrift aus Linien und Schwüngen und Bögen, auf und ab und gleichmäßig. Keine eigenen Wörter, Sätze, Aneinanderreihungen von Satzteilen, keine erzählte Wahrheit oder Geschichten. Nur ständige Wiederholungen von immer wieder denselben Formen. Leere Hülsen ohne Bedeutung. Jeden Mittag auf dem Nachhauseweg zählte ich die Steinplatten, achtete darauf, dass ich nicht auf die Ritzen trat, dachte mir Geschichten aus. Lebte in Innenwelten und Tagträumen. Ich war das Intelligente, Wissende, das was nicht sein darf, das, was niemand wahrhaben will, was nicht gesehen werden darf.

Wenn du das Nebelfeld durchwandert und dich heldenhaft der Begegnung mit meinen inneren Landmarken gestellt hast, wird es Zeit für den Aufstieg auf die Hochebene. Betrachte nun die Landkarte meiner Seele und du wirst feststellen, dass die einstmals dunkle Fläche gefüllt ist mit Farben und Zeichen. Ein Kontinent hat sich herausgebildet. Das bin Ich. Unangepasst, voller Ideen und Träume. Die Intelligenz und das Wissen, die Kreativität, das Ursprüngliche, Verträumte, der Zorn und der Verstand. Ein Wesen, das aufbegehrt gegen Mittelmäßigkeit und Konformität, Unterdrückung und Ungerechtigkeit und das einen liebevollen, wertschätzenden Umgang mit anderen Menschen ersehnt.

Lass uns gemeinsam einen Kontinent der Farben erschaffen, der bunten Pracht und Vielfältigkeit. Lass uns unsere Fähigkeiten zeigen und unsere Eigenschaften sich verbinden, so dass sie zu etwas Großem, Ganzen werden.

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Das aufgesetzte Gesicht

Wer weiß schon, was sich hinter der Maske eines aufgesetzten Gesichts verbirgt, hinter dem äußeren Schein, den die Menschen den Anderen zugekehrt mit sich herumtragen und der abfällt, sobald sie ihre eigenen vier Wände betreten und allein mit sich selbst sind, sich so geben, wie sie wirklich sind. Unsere Wahrnehmung bestimmt, wie wir andere Menschen sehen, und diese Wahrnehmung ist geprägt durch persönliche Erfahrungen, die wir dann im alltäglichen Umgang auf andere Menschen übertragen.

Aber ist es nicht so, dass wir von einem anderen Menschen ohnehin nur das Äußere sehen können? Wir wissen nicht, wie ihr/sein Inneres beschaffen ist. Selbst wenn uns diese Person etwas Privates oder Intimes von sich mitteilt, können wir nie vollständig begreifen, wie sie wirklich ist. Wie sie ist, wenn sie ganz sie selbst ist. Wir können nicht in einen anderen Menschen hineinblicken. Doch können wir das, was in diesem Menschen verborgen ist, bemerken und erkennen. Und durch das Erkennen können wir den wahren Kern dieses Menschen sichtbar machen.

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Dazu müssen wir uns selbst öffnen, um so die Fähigkeit und Bereitschaft zu erlangen, die wahre Vielfalt, die ein Mensch besitzt und die er uns gegenüber hinter seinem aufgesetzten Gesicht verbirgt, zu erkennen, zu sehen und wahrzunehmen. Erst dann wird auch dieser Mensch sich öffnen. Er wird sich offenbaren und uns an seinem Inneren teilhaben lassen.

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Luisenhof

Sie saß auf einer Bank im Westpark. In der Linken hielt sie ein Buch, den Ellbogen abgestützt durch die rechte Hand, so dass sie die Seiten direkt vor Augen hatte und den Kopf beim Lesen nicht neigen musste. Wie selbstverständlich hielt sie ihren Oberkörper aufrecht, die Füße nebeneinander auf den Boden gestellt. Ihre Gesichtszüge wirkten gelöst und gleichmäßig. Das abnehmende Tageslicht zeichnete die sonst so strengen Linien in ihrem Gesicht weich.
Er hätte sie für eine durchschnittliche alleinstehende Frau mittleren Alters gehalten, unauffällig und unangepassz, wäre da nicht diese Drahtigkeit, diese leichte Anspannung ihrer schlanken sehnigen Figur gewesen, die ihn neugierig gemacht hatte. So als wäre sie ständig bereit wegzulaufen. Als wäre sie hier und gleichzeitig woanders.
„Guten Abend, Marlene.“
Ihren Name hatte er auf dem Schildchen an ihrer Bluse gelesen.
Sie zuckte leicht zusammen. Für einen kurzen Augenblick war ihre Miene blank, ihre leuchtenden stahlblauen Augen ihm unverhüllt zugewandt. Dann legte sich wieder die geschäftsmäßige höfliche Maske über ihr Antlitz.
„Darf ich mich zu Ihnen setzen?“
Sie ließ ihr Buch sinken und rückte bereitwillig ein Stück beiseite, so dass auf ihrer linken Seite Platz für ihn war.
„Sie waren lange nicht mehr in der Apotheke“, sagte sie.
„Also erinnern Sie sich an mich?“
„Anscheinend geht es Ihnen wieder besser.“
„Die Bachblüten-Tropfen haben mir sehr geholfen. Ich nehme sie jedes Mal, wenn ich aufgeregt bin. Ich bin fasziniert, wie die Essenzen auf die Psyche und den Körper wirken können.“
„Sie sind sehr aufgeschlossen und empfänglich.“
Sie nahm das Buch wieder auf, das sie in ihren Schoß gelegt hatte, so als wollte sie ihre Lektüre fortsetzen.
Er rückte ein wenig von ihr ab. „Ich wollte Sie nicht vom Lesen abhalten.“
„Sie stören mich nicht.“
Er fühlte sich ermuntert und öffnete seine Umhängetasche, um darin zu kramen.
„Ich habe selbst ein Buch dabei“, fuhr er fort und holte das zerlesene Exemplar der gesammelten Kafka-Werke hervor. Er begann darin zu blättern.
„Ich analysiere gerade den ‚Aufbruch‘. Eine herrliche Geschichte. Man könnte sie eine Kürzest-Geschichte nennen. Kafka schreibt so knapp und reduziert, er ist er Meister des Weglassens und des Ungesagten und gerade dadurch lässt er so viel Spielraum für eigene Bilder und Vorstellungen. Man kann so viel hinein interpretieren. Es ist unglaublich.“
Beschämt darüber, dass er ins Schwärmen geraten, sich geöffnet und sie in sein Innerstes hatte blicken lassen, schloss er das Buch wieder.
„Ich bin erstaunt,… Wie heißen Sie?“
„Mortimer.“
„Ich bin erstaunt, Mortimer, dass ein junger Mann wie Sie sich mit solch ernsthaften Dingen beschäfigt.“
Er lachte auf. „Ich glaube, Sie verschätzen sich, was mein Alter angeht.“
Es stellte sich heraus, dass der Unterschied zwischen ihnen gar nicht so groß war: Er war 34, sie 42 Jahre alt. Er erzählte, dass er das Alleinsein und die Natur liebte, dass er lange Wanderungen unternahm und dass er den Fernseher abgeschafft hatte, damit er nicht mehr von den wesentlichen Dingen im Leben abgelenkt wurde. Er lebte spartanisch, bescheiden.
Er fragte sie nach dem Buch, das sie in Händen hielt. Sie hielt ihm den Buchdeckel entgegen: „Walden“: „Henry Thoureau hat ganz dem zivilisierten Leben entsagt und für mehr als zwei Jahre allein in einer Blockhütte in den amerikanischen Wäldern gelebt. Seine Erfahrungen und Gedanken hat er in Tagebüchern festgehalten und später zu diesem Buch verarbeitet.“
„Eine Biografie also.“
„Eher eine Mischung aus Erlebnisbericht und Roman. Thoureau gilt als Philosoph und Vorreiter der Bewegung für einen alternativen ausgewogenen Lebensstil.“
„Welche Stelle lesen Sie gerade?“
Sie öffnete den Band an der Stelle, die sie mit ihrem Finger markiert hatte. Ihr Gesicht verschlossen, las sie mit ruhiger, gleichmäßiger Stimme vor: „Ich kenne mich nur als menschliches Wesen, als den Tummelplatz sozusagen von Gedanken und Gefühlen, und bin mir einer gewissen Doppelexistenz bewusst, die mir gestattet, mir selbst so ferne zu stehen wie einem anderen Menschen.“
Er runzelte die Stirn und lauschte den Worten nach. Dann fuhr er sich mit den Händen über den strubbeligen Haarschopf, den er nicht zu glätten vermochte. „Puh, das ist nicht einfach zu verstehen. Ich würde es mir am liebsten aufschreiben und erst einmal in Ruhe analysieren.“
Ihr rechter Mundwinkel hob sich leicht, belustigt über seine Reaktion. Sie klappte das Buch zu und hielt es ihm hin: „Nehmen Sie es mit. Wenn Sie genügend interpretiert haben, bringen Sie es mir vorbei.“

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Der Nachhauseweg führte sie die Straße entlang, die um den Luisenhof herumführte, einer ehemaligen Arbeitersiedlung. Der Wohnblock war von der Straßenseite her unzugänglich, zeigte eine strenge Außenfassade mit abweisenden Wänden, in denen die Fenster wie verdunkelte Augen waren, die nach außen schauten, aber den Blick nach innen verwehrten, die Wohnungen in den undurchdringlichen Fensterfassaden nicht einsehbar, kein Eingang, keine Tür, kein Durchgang in Sicht. Sie bog rechts in die nächste Querstraße ein und lief das kurze Stück weiter, bis sie den unscheinbaren gedrungenen Torbogen erreichte, der ihr den Durchgang zm Innenhof gewährte. Unversehens befand sie sich in einer idyllischen grünen Oase. Die Hauseingänge und Balkon der herrschaftlichen Sandsteinhäuser des Luisenhofs waren, abgeschirmt von der Außenwelt, zur Hofinnenseite gerichtet, und blickten auf den alten Baumbestand aus Pappeln, Ahorn und Kastanien hinab. Sobald Marlene diesen geschützten Bereich betreten hatte, fiel die Maske der Gleichmütigkeit von ihr ab und sie tauchte in die verträumte, magische Atmosphäre dieses kraftvollen historischen Orts ein und erfreute sich an dem Anblick der stilisierten Schmuckgitter an den Balkonen und Loggien.
Sie erreichte ihre Haustür, schloss sie auf und stieg die zwei Etagen durch das saubere Treppenhaus hinauf bis zu ihrer Wohnung.

Mit jeder weiteren Schwelle streifte sie ihr Äußeres Ich ab. Mit jedem weiteren Schritt gelangte sie hinein in das Innere, in ihr Sanktuarium. In der Küche bereitete sie sich einen Tee zu und setzte sich damit in die Bibliothek. Hier, wo sie von ihren Schätzen umgeben war, den Regalen und Vitrinen voller Bücher, Kunstgegenständen, Filmen und Musik, Gemälden und Fotos, Denkspielen und Instrumenten, den Utensilien für Malerei, Fotografie und Kalligraphie, fiel alles Belastende und Verfälschte von ihr ab. Hier herrschten Vielfalt und Reichhaltigkeit. Welche Auswahl würde sie heute Abend treffen?

Marlene dachte an den wissbegierigen und begeisterungsfähigen jungen Mann, Mortimer, dem sie im Park begegnet war und über den sie gerne mehr erfahren würde. Er erinnerte sie an Glenn Gould. Sie legte die CD mit den Goldbergvariationen auf. Diese Klaviermusik war so sehr mit der Persönlichkeit des Interpreten verhaftet, dass es nicht Bach war, dem sie lauschte, sondern dem wieder auferstandenen, ewig weiter lebenden Genius, der in sein Klavierspiel all seine Emotionen gelegt hatte, zu deren Ausdruck er in seinem verschrobenen Leben nicht in der Lage gewesen war. Doch trotz seines fast zwanghaften Perfektionismus, den er bei den Studio-Einspielungen gezeigt hatte, war unverkennbar, dass er die Musik liebte, sie vollkommen verinnerlicht hatte, sie verkörperte und sie den Menschen mitteilen wollte. Und die Aufnahme von 1981 war so viel langsamer, bedächtiger und behutsam gespielt, dass sie Marlene jedes Mal aufs Neue berührte.
Sie lehnte sich in ihrem Sessel zurück, schloss die Augen, strengte ihren Geist an und ließ alles, das Gute und das Böse, gleich einem Strom an sich vorüberziehen.
Sie würde dem jungen Mann, Mortimer, der ihr Herz berührte, Einiges von ihren inneren Schätzen anvertrauen. Ein Anfang war gemacht. Er würde Thoureau lesen.
Und dann,… vielleicht… die Landkarte meiner Seele

 

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Das Licht, das in allen Dingen wohnt

 

Ein pulsierender Punkt, ein Funke, so klein wie die Spitze einer Stecknadel, entzündet sich, weitet sich, dehnt sich aus, erstrahlt zu einer hellen kugeligen Fläche, einem Ball aus gleißender Helligkeit, an den Rändern ausgefranst, dahinter die Dunkelheit. Vollendete Helligkeit überdeckt die dumpfe Stille. Widerhallendes Pochen hinter geschlossenen Augenlidern. Schwere erdrückende Mattigkeit. Ein zaghaftes, unkontrolliertes Flackern, Zittern, das zu einem Blinzeln wird. Die Augen öffnen sich widerstrebend, staunend. Er schaut in die konturlose Helligkeit, das leuchtende strahlende Weiß.
Sein erstes Wort: „Licht.“

Er muss wieder eingeschlafen sein. Hinter seinen geschlossenen Augen lodert ein Lichtstrahl auf, so grell, dass er den schwarzen Negativ-Abdruck eingebrannt auf seiner Netzhaut spürt. Linien aus Licht, Lichtblitze. Umhüllte Lichtgestalten bewegen sich um ihn herum, Personen, Gegenstände, Geräusche. Zunächst aber nur diese weiße Fläche, der weiße Raum, von Licht erstrahlt, ausgefüllt. Es ist nichts als Licht.
Wieso fällt es ihm so schwer, die Augenlider zu heben? Diese geringe Muskelanstrengung verursacht ihm grelle zuckende dröhnende Kopfschmerzen. Es gelingt ihm nicht, den Blick zu fokussieren. Er schaut in das gleißende Licht.
„Weiß“, sagt er. Und: „schwarz“.

Er liegt auf der Normalstation. Der gesamte Raum in weißes Licht getaucht.
Er hört die Musik, die Melodie, den Gesang der Welt. Er weiß: Alle Formen, Gegenstände, Personen, Tiere, Pflanzen, sind von Licht umhüllt, sind göttlich.
Klare, knisternde, reine, leuchtende Helligkeit. Sie riecht prickelnd wie die Luft im Freien nach einem Gewitter. Er spürt das Licht wie einen umhüllenden Schleier auf der Haut. Dort, wo sich der Nadeleinstich für den Zulauf zum Tropf befindet, ist der weiße Lichtfluss, der um seinen Körper strömt, von einem dunklen roten Fleck unterbrochen.
„Rot“, sagt er.

Das Piepen der Überwachungsmaschinen, untermalt von einem stetigen Summen und Surren, das Pumpen des Perfusors. Ein schneidendes kreischendes, schepperndes Geräusch, als die Krankenschwester mit dem Behandlungsbesteck hantiert.
„Bald brauchen Sie die Medikamente und den Tropf nicht mehr. Sie müssen sich nur anstrengen und die Augen aufhalten. Nicht immer wieder wegtauchen!“
Er hört das Umstöpseln des Tropfs, das Gluckern, als der neue Plastikbeutel mit der Kochsalzlösung eingesetzt wird.
„Ich habe die Dosierung des Medikaments herabgesetzt, wie der Arzt es angeordnet hat. Vielleicht werden sie dann wacher.“
„Ich bin wach“, sagt sein Körper, sagt sein Geist. „Ich bin so wach wie nie zuvor.“
Er blinzelt, versucht die Augen zu öffnen. Er wird geblendet, senkt die bleischweren Lider wieder, dahinter eine Welle leuchtenden, wirbelnden Rots. Knallrot wie der Roller, den er als Kind hatte. Die sich drehenden Räder mit den reflektierenden weißen Streifen an den Reifen.
„Rot“, sagt er und lächelt dabei.
Er war auf dem Roller den Weg am Getreidefeld entlang geflitzt und hatte dabei vor unbändiger Freude gejauchzt, ein glucksendes Lachen, das tief aus seinem Bauch aufstieg, seine Kehle kitzelte und wie in großen Luftblasen aus seinem Mund herausströmte. Er trampelte so wild und so lange, bis der asphaltierte Weg aufhörte und in den sandigen Waldweg überging. Dort musste er umkehren, denn in den Wald durfte er nicht alleine. Im Sommer standen die Ähren auf dem Feld so hoch und dicht, dass sie den Kindern bis zu den Schultern reichten und sie darin Verstecken spielen konnten. Später konnten sie dann die Spuren von niedergedrückten Halmen erkennen, wo sie entlang gelaufen waren. Als das Getreide geerntet worden war und nur noch die Stoppeln übrig waren, stieg er einmal von seinem Roller ab und wollte über die Stoppeln an das andere Ende des Feldes laufen. Aber es piekste fürchterlich und er rannte schnell wieder zurück zu seinem Roller.
Er riecht das Gras und die Sonne und den Wind.
Das Weizenfeld lag gleich hinter der Mauer, die den Hof umgab. Wenn er den Weg in Richtung Wald einschlug, kam er an dem Fachwerkhaus vorbei, in dem die alte Frau Huber wohnte. Sie hatte einen Obstgarten, in dem er Pflaumen pflücken und anschließend mit nach Hause nehmen durfte. Seine Mutter backte herrlich saftigen Zwetschgenkuchen daraus, zu dem es von Hand geschlagene süße Sahne gab. Die Pflaumen waren noch heiß und die Sahne zerlief milchig warm und schaumig.
Das Wasser läuft ihm im Mund zusammen. Er spürt den bitter süßen Geschmack auf der Zunge.
„Rot. Weiß.“

Seit einigen Tagen kann er sich selbstständig im Bett aufrichten. Gegen die Kissen gelehnt, isst er von dem Teller, den die Krankenschwester ihm jeden Mittag auf den Tisch neben seinem Bett stellt. Bissen für Bissen und genussvoll kauend. Heute Morgen ist er das erste Mal aufgestanden und, auf die Krankenschwester gestützt, einige Schritte im Zimmer umhergegangen. Nun sitzt er auf einem Stuhl am offenen Fenster, hält das Gesicht der wärmenden Sonne entgegen und lauscht dem Vogelgezwitscher.
Vor dem Fenster des Krankenzimmers hat sich auf einem Ast ein Vogel niedergelassen und singt. Er hat ein schwarzes Gefieder und einen orangefarbenen Schnabel. Eine Amsel? „Die Amsel zeigt dir ihren Baum“, hieß ein Bilderbuch, das ihm seine Mutter vorgelesen hat, als er ein kleiner Junge war.
Er betrachtet das Gefieder der Amsel und bemerkt, dass es nicht schwarz ist, nicht völlig undurchdringlich dunkel, sondern dass das Federkleid in schattierenden Grautönen schillert, von hellgrau bis anthrazit, darunter nur einige wenige, fast völlig schwarze Federn.
Der Vogel hält einen Moment in seinem Gesang inne, legt den Kopf schräg, betrachtet den Mann am Fenster durch undurchdringliche Knopfaugen. Dann beginnt er wieder zu trällern. Der Mann hört den Vogel, versteht ihn, er erkennt den Sinn und die Bedeutung der einzelnen Töne, der Tonfolge, der Melodie. Der Vogel teilt ihm etwas mit. Der Mann staunt und weiß: Es gibt keine menschliche, tierische oder pflanzliche Sprachen, die voneinander getrennt sind. Alles ist EINS, alles ist miteinander verbunden.

Er denkt: Ich habe die Worte. Ich erkenne die Welt.
Ich erkenne das Ein und Alles, das Licht, das in allen Dingen wohnt.

Und er schließt die Augen, um ins Licht zu gehen.
Sämtliche Formen lösen sich auf.