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Ich bin alt, aber das war ich nicht immer

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Madame Pipanelle meint:

Ich habe schon häufig gelesen oder gehört, dass Frauen ab einem gewissen Alter unsichtbar seien.

Unsichtbar für wen?

Da sich diese Aussage in der Regel auf Frauen jenseits der Wechseljahre bezieht, gehe ich davon aus, dass mit der fehlenden Sichtbarkeit von älteren Frauen ihre nicht mehr vorhandene Attraktivität für Männer gemeint ist. Ältere Frauen werden nicht mehr als potenzielle Sexualpartnerinnen wahrgenommen, also beachtet man sie einfach nicht mehr. Im logischen Umkehrschluss bedeutet das, dass Frauen sich nur über ihre Attraktivität als Sexobjekt definieren (sollen). Solange sie anziehend auf Männer wirken, sind sie sichtbar, sobald aber diese Anziehungskraft auf Grund von äußeren sexuellen Merkmalen nachlässt, sind sie unsichtbar. Welche Funktion haben sie dann überhaupt noch in dieser Gesellschaft?

Wie so oft im Leben kommt es auf die Sichtweise an.

Ich fühle mich nicht unsichtbar. Ich bin nicht unsichtbar. Aber mein äußeres Erscheinungsbild hat sich verändert. Wer nur diese äußere Hülle betrachtet, meine grauen, dünner gewordenen Haare sieht, meinen Körper, der seine Festigkeit verloren hat, die bequeme Kleidung, die ich bevorzugt trage, möchte mich möglicherweise in die Schublade packen: Ältere Frau , hat keine Ahnung von (wahlweise – je nach Situation): Computern / Handys / Technik / ÖPNV / Google Maps / Politik / Wirtschaft / Studium / Geschichte und Gesellschaft / Klimawandel / Mode / Ernährung / Sexualität … Dies mag vor allem auf jüngere Menschen zutreffen, die glauben, ältere Frauen seien in allem zu langsam.

Ich war noch nie langsam im Denken und bin es auch heute,
in meinen mittleren Jahren nicht.

Aber es gibt noch eine andere Schublade, nämlich die, in die mich Menschen stecken wollen, die genau so alt oder gar noch älter sind als ich. Sie vergleichen mein äußeres Erscheinungsbild mit ihrem eigenen Zustand und kommen zu der Einschätzung: Ältere Frau – so wie ich, also (wahlweise – je nach Situation): spießig / konservativ bis reaktionär / kein Interesse an neuen Erfahrungen / kein Interesse an neuen Technologien / kein Interesse an jungen Menschen …

Ich war nicht immer alt.

Dieser Zustand ist erst langsam und allmählich, schleichend, manchmal schubweise über den Lauf vieler Jahre eingetreten. Es war ein Prozess. Ein Entwicklungsprozess. Neugierde und Lebenshunger sind meine Antriebskräfte. Neugierde und Mut gehören zusammen. Wer nur auf mein äußeres Erscheinungsbild achtet, nur meine äußere Hülle sieht, erkennt nicht, welche Stärke sich dahinter verbirgt, wie viel Halt ich geben kann, weil sich meine Persönlichkeit durch die vielen Erfahrungen und auch durchlebten Krisen gefestigt hat. Ich habe Erfahrungen gesammelt, bin daran gewachsen und habe Weisheit erlangt. Aber das können diejenigen nicht sehen, die mich für unsichtbar halten (wollen).

Alte Frauen waren einmal jung.

Auch wir älteren und alten Frauen haben gelernt, studiert, gearbeitet, für unseren beruflichen und sozialen Aufstieg gekämpft, für Anerkennung und Gleichberechtigung im Job und im Privatleben, auch wir waren frisch verliebt, mussten Entscheidungen treffen, haben uns Sorgen über die Zukunft gemacht und haben Existenzängste durchlebt. Wir waren von der Meinung unserer Chefs und Kolleg*innen, unserer Familie und unserer Freund*innen abhängig und mussten erst herausfinden, wer wir wirklich sind, wie wir unser Leben gestalten wollen und mussten lernen, uns selbst zu lieben.

Diese Erfahrungen können wir weitergeben.

Also nehmt uns als alte und weise Frauen wahr,
stellt uns Fragen, sucht unsere Unterstützung.
Schaut nicht an uns vorbei und durch uns hindurch.
Nehmt wahr, dass wir Frauen ab einem gewissen Alter stolz und sichtbar sind.