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Vom Norden gefangen

Das Zurückkommen fällt mir schwer. Alles erscheint fremd.
Als ich um 11 Uhr am Abend aus dem Zug steige, breitet sich die Dunkelheit aus,
legt sich über mich wie ein dunkles Tuch,
schließt mich ein.
In Fredrikstad schien um diese Zeit noch das weiße Licht des Nordens,
kurz vor der Sommersonnenwende, die Mittsommernacht noch nicht erreicht,
aber der Himmel strahlte türkisblau und nur eine sanfte Dämmerung deutete an,
dass es Nacht war.

Ich finde nicht zurück nach Hause,
in den Alltag, in die Hektik des geregelten Lebens.
Die Idee des Nordens hält mich gefangen.
Das Licht des Nordens ist unbeschreiblich, kräftige, klar konturierte Farben,
hell und leicht und gestochen scharf.
Die Luft kristallklar und rein und unverbraucht.

Auf der Heimfahrt überquerte ich viele Brücken, die die Landstücke wie kleine Kontinente miteinander verbinden.
In der Ferne eine Dunstglocke über der Landmasse, die ich bewohne, und der ich mich nun wieder näherte.
Die Luft vor mir gelb und grau und diesig.
Ich wurde hineingezogen, tauchte ein in die drückende Stickigkeit,
gesättigt von Stäuben, Abgasen, Ausdünstungen,
die den Kopf benebeln, die Schleimhäute verstopfen und die Atemwege belegen.
Wie sollen in dieser Atmosphäre freundliche, offene Gedanken und Worte fließen?
Ich vermisse die norwegische Gemütlichkeit, die dänische Zuvorkommenheit,
die Natürlichkeit und Unverstelltheit der Menschen.

Ich trage das Erlebte meiner Reise in mir, es wirkt in mir nach.
Während ich unterwegs war, zog alles so schnell an mir vorbei.
Ich genoss die Ansichten, die Augenblicke, die Glücksmomente,
aber meinte, nicht alles aufnehmen zu können,
es nicht tief genug wahrnehmen zu können.
Erst nach meiner Rückkehr bemerke ich,
wie tief alle Eindrücke in mich eingedrungen sind und mich geprägt haben.
Bilder, so deutlich, intensiv und farbig wie auf glänzendem Fotopapier,
Erinnerungen an Gerüche, Geräusche, Landschaften, Stimmungen, Menschen und herzerwärmende Begegnungen.
Eine andere Wahrnehmung von mir selbst, meinem inneren ICH.
Ich bin im FLOW und kann gar nicht mehr auftauchen.
Verlangsamt.
Die Zeit hat keine Bedeutung, hat sich aufgelöst.
Ich folge meiner inneren Uhr und lasse mich treiben.
Was bleibt, ist das Gefühl, den ganzen Sommer noch vor mir zu haben.
Eine Welt voller Fülle, Ideen und Versprechungen.

 

Fredrikstad