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Lindholm Høje

Es gibt Orte, an denen spürst du die Menschen der Vergangenheit. So ist es auf Lindholm Høje (Nordjylland) in Dänemark.

Du betrittst das Gelände durch ein Holzgatter, gehst durch einen kleinen Eschen- und Birkenenhain, steigst einen Erdwall hinauf und vor dir breitet sich ein mit hohem Gras bewachsenes Siedlungs- und Gräberfeld aus. Halte inne und schau dich um. Du befindest dich auf einer Anhöhe. In der Ferne erkennst du die Ausläufer der Stadt Aalborg. In der anderen Richtung schlängelt sich das Wasser des Limfjords um sanft geschwungene Hügelkuppen Richtung Meer. Vor dir aber erhebt sich eine unübersehbare Zahl von Steinen und Erdhügeln, Schiffssetzungen, Überresten von Langhäusern und Ackerfurchen – die Hinterlassenschaft der Menschen, die hier über 600 Jahre lang lebten, bis der Flugsand sie vor 1000 Jahren zwang wegzuziehen und dann alles zudeckte.

Spüre den Wind in deinen Haaren, sieh, wie er über die dünnen hellgrünen Grashalme weht, wie er sie streichelt, peitscht und in Wellen legt.

Die Menschen, die einst auf Lindholm Høje lebten, sind anwesend und erzählen dir ihre Geschichte. Wie Bilder auf einer Leinwand erscheinen sie vor der hügeligen Landschaft und werden über der Wiese gegen den Himmel projiziert.

Da ist die ovalförmig angelegte Schiffssetzung, in der die Frau in einem vornehmen, mit großen schildkrötenförmigen Fibula befestigten Kleid bestattet wurde. Ringe, Ketten, Kämme und Gürtel mit verschlungenen Ornamenten schmücken ihre aufrechte Gestalt. Sie war die Obere der Ansiedlung und bestimmte die Geschicke der Menschen in der Gemeinschaft.

Dieser runde Erdhügel gehört zu der Frau, der zahlreiche Haushaltsgeräte mitgegeben wurden, Krüge, Schalen, Kochgeräte, Nähzeug aus Bein. Sie versorgte die Menschen im Ort mit Nahrung und heilte sie, wenn sie krank oder verletzt waren. Sie lebte mit ihrem Clan in dem großen Langhaus mit den ovalförmig zulaufenden Seitenwänden.

Diese dreieckig angeordneten Steine kennzeichnen das Grab eines Kriegers, dem sein Schwert mitgegeben wurde. Er hat vom Seehafen aus in einem Langboot mit geschwungenem hoch aufragenden Bug die Reise über das Meer in ferne Länder angetreten. Vielleicht hat er England gesehen oder ist mit anderen Kriegern in Richtung Osten gerudert und gesegelt, nach Lettland und Ostpreußen. Zuhause hat er das Land der Wikinger gegen Eindringlinge, die mit dem Kreuz kamen und sie bekehren oder beherrschen wollten, mit dem Schwert verteidigt.

Ein Stück weiter den Hügel hinunter liegt der Acker eines Bauern. Die Furchen, die sein Pflug in den Boden getrieben hat, sind deutlich erkennbar. Die Wikinger waren nicht nur das kriegerische Volk, als das sie immer dargestellt werden. Sie waren wissbegierig, erfindungsreich und haben ihr Wissen über das gesamte heutige Europa bis über die Seidenstraße verbreitet. Neue Erkenntnisse haben sie mit zurückgebracht und so ihre Kultur bereichert. Wie bei anderen weit entwickelten Völkern ging ihre Vielfältigkeit durch die Christianisierung verloren.

Der Wind weht über Lindholm Høje und trägt die Geschichten der Menschen, die hier gelebt haben und die hier gestorben sind, mit sich. Du musst nur genau Acht geben, dann hörst und siehst du sie.

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