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Madame Pipanelle räumt auf

 

„Fabrice“, sagt Madame Pipanelle am Telefon zu ihrem Sohn, „wenn du noch etwas von Vaters Sachen aus der Wohnung haben willst, dann komm‘ bitte vorbei und hole sie ab.“
„Was für Sachen?“
„Möbel, Fotos, Gebrauchsgegenstände. Bücher, Bilder… Erinnerungsstücke halt.“
Doch Fabrice sagt, er habe schon alles, was sein Vater ihm hinterlassen hat, mitgenommen: Die Gesetzestexte und Kommentare, den Füllfederhalter, mit dem man die Tinte aus einem Tintenfass aufziehen kann, die Robe. Mehr brauche er nicht. Alles sei in der Kanzlei, die er von Gustave übernommen hat.
„Ich muss auflegen, Maman, ich habe einen dringenden Gerichtstermin.“
Doch kaum fünf Minuten, nachdem er das Gespräch beendet hat, ruft er zurück.
„Warum kommst du jetzt damit an?“, fragt er misstrauisch. „Es ist drei Jahre her, seit Vater gestorben ist.“
„Ich räume die Wohnung auf“, sagt Madame Pipanelle. „Alles, was nicht mehr benötigt wird, holen die Leute vom Roten Kreuz und verkaufen es in ihrem Wohltätigkeitsladen.“
„Aber die Wohnung ist doch aufgeräumt. Alles ist an seinem Platz! Was hast du vor?“
„Die Leute vom Roten Kreuz kommen am Mittwoch Nachmittag. Bis dahin hast du Zeit.“
Klick. Madame Pipanelle hat den Telefonhörer aufgelegt.

Sie geht zu dem großen Fenster im Wohnzimmer und öffnet einen Seitenflügel. Der Wind bewegt sanft die luftigen Gaze-Gardinen. Die dunklen Stoffvorhänge, schwer vom Staub vergangener Jahre, hat Madame Pipanelle schon vor einer Woche abgehängt. Nun fällt das Sonnenlicht ungehemmt durch die Scheiben und lässt den Raum erstrahlen. Das Glas reflektiert die tanzenden Sonnenpunkte der Blätter am Lindenbaum, der vor ihrem Haus steht und der seinen Parfum-Duft in ihr Zimmer schickt. Schmetterlinge tanzen. Sie streckt ihr Gesicht der Sonne entgegen und atmet tief durch.

Dann geht sie zurück ins Zimmer und setzt sich ein letztes Mal in den alten grauen Ohrensessel, der Gustave gehört hat. Auf der Rückenlehne ist ein dunkler Halbkreis zu erkennen, dort, wo das Spitzendeckchen auflag und der Stoff seine ursprüngliche Farbe behalten hat. Sie schmiegt sich in die Kuhle, die Gustaves Rücken in die Polsterung gedrückt hat, lehnt ihre Wange an den seitlichen Vorsprung, wo sein Kopf geruht hatte, und sucht nach seinem Geruch. Aber er hat sich verflüchtigt.

Symmtetrie KOP

Am nächsten Morgen ist Madame Pipanelle schon früh aufgestanden. Heute frühstückt sie nicht im Bistro an der Ecke. Sie brüht sich eine Tasse Kaffee auf und isst dazu ein Croissant. Auf diese Weise gestärkt, zieht sie sich ein altes Baumwollkleid über und bedeckt ihr Haar mit einem Tuch. Dann nimmt sie sich das Wohnzimmer vor. Sie räumt die ungelesenen, in Leder gebundenen Bücher aus dem Wandregal, packt sie in Kisten und wischt die Holzbretter feucht ab. Dann räumt sie ihre eigenen Bücher ein, schmale Bände mit farbenfrohen Umschlägen. Seit sie regelmäßig einen Lesekreis besucht, kauft sie sich die Romane, statt sie in der Bibliothek auszuleihen. Hin und wieder schlägt sie ein Buch auf und blättert darin, steckt die Nase in die Seiten und genießt den Geruch frisch bedruckten Papiers. Sie liebt alle ihre Bücher. Auch die Kochbücher, die eine eigene, wild durcheinander gewürfelte Reihe im Regal erhalten.

Am Nachmittag ist sie – nach einer kleinen Stärkung mit Baguette und Apfelcidre – im Schlafzimmer angelangt. Die fliederfarbene Wandfarbe ist mittlerweile getrocknet. Gestern hat das Möbelhaus das neue Bett geliefert, ein breites Modell aus weiß gestrichenem Holz mit Schnörkeln am Kopfteil, so wie sie es sich schon als junge Frau gewünscht hat. Zu dem Bett gehört eine weiße Kommode, in die sie bereits ihre zartrosa Lingerie gelegt hat. Endlich wird sie zum Einsatz kommen. Nun muss Madame Pipanelle nur noch das Bett frisch beziehen. Pierre wird ihr später helfen, die Rollos anzubringen.