Allgemein

Sternenwanderer

Wir sind reine rotierende Energie aus Materieteilchen.
Eine Wolke aus Sternenstaub, ohne Anfang, ohne Ende, ohne Begrenzung.
Wir sind das Universum.
Aus uns entstehen Sonnen, Sterne und Planeten.
Wir sind immer in derselben Menge vorhanden.
Was sich unaufhörlich verändert, ist die Form.
Wir schöpfen, gestalten und bilden die Energie um,
verhelfen der Kraft dazu, sich zu verkörpern.
Gleichmäßig im Raum verteilt, schicken wir das Licht zu den Planeten.
Unser Bote ist das Lichtwesen.
Ein Strom aus Licht,
ein Strahl aus purer Herzensenergie,
das Wesen und der innere Kern des Sternenwanderers.
Ein Lichtstrahl hinter geschlossenen Augen. Für den kurzen Bruchteil einer Sekunde war es gleißend hell. Dann war er wieder in dumpfe Stille gehüllt.
Wieso fiel es ihm so schwer, die Augenlider zu heben? Die geringe Muskelanstrengung verursachte ihm grelle Kopfschmerzen. Um ihn herum Dämmerlicht. Es gelang ihm nicht, den Blick zu fokussieren. Alles schien verschwommen. Direkt vor seinen Augen befand sich nasser, steiniger Boden. Er hörte von einer Wand tropfendes Wasser. Mit der rechten Wange lag er in einer Pfütze. Die Halogenlampe an seinem Helm verbreitete ein blendend weißes Licht über dem feucht schimmernden Boden, über diesen Umkreis hinaus war der alte Bergwerkstollen in tiefe, anthrazitfarbene Dunkelheit getaucht.
Der Bergwerkstollen. Er war in den stillgelegten Grubenschacht des Kohlebergwerks geklettert. Ohne Absicherung.
Vorsichtig schloss er die Augen wieder. Das gleißende Licht zischte wie ein Kometenschweif vorbei. Die durchdringenden Kopfschmerzen wurden stechender. Auch hinter den geschlossenen Augenlidern drehte sich alles. Ein wirbelnder Strom aus blankem Licht.
Er hatte den Stolleneingang in unmittelbarer Nähe zu dem Schachtgebäude in einem Berghang gefunden, hatte das Gitter beseitigt, das den Zugang zum Tunnel abdeckte und war dann in den Berg hinein gelaufen, bis zu dem alten Grubenschacht gelangte. An mehr konnte er sich nicht erinnern. Über sein Gedächtnis breitete sich ein schwarzes Tuch.
Vorsichtig bewegte er Hände und Füße, fühlte nach, ob er verletzt war. Bis auf einige Abschürfungen konnte er nichts feststellen. Vor allem schien nichts gebrochen zu sein. Wenn nur sein Kopf nicht so unerträglich schmerzen würde. Er traute sich nicht ihn zu bewegen. Kein Gedanke daran, aufzustehen. Er begann unkontrolliert zu zittern. Sein Mund war ausgetrocknet, aber er konnte nirgends die Flasche Wasser entdecken, die er vor dem Abstieg in seinen Proviantgürtel gesteckt hatte.

Ein weiterer Lichtschein blitzte auf. Hatte er ihn wirklich gesehen?
Seine Frau fiel ihm ein. Was sie jetzt wohl machte. Vermisste sie ihn? Seltsam, dass so unerwartet ein Bild von ihr erschien. Er hatte nicht mehr an sie gedacht, seit sie sich vor zwei Jahren hatten scheiden lassen. Sie hatten nicht viel Zeit miteinander verbracht. Beiden war ihr berufliches Fortkommen wichtiger gewesen. Einmal im Jahr waren sie gemeinsam in Urlaub gefahren. Ihr Freundeskreis bestand aus Kollegen und ehemaligen Studienkameraden. Außer alltäglichen Dingen hatten sie sich nichts zu sagen.
Sie war es gewesen, die ihn vorantrieb. Sie ermöglichte ihm das Studienjahr und unterstützte ihn, als er an seiner Doktorarbeit schrieb, und zog mit ihm in die Großstadt, wo er eine hochdotierte Stelle als Justitiar bekam. Sie selbst begnügte sich mit einem langweiligen Posten im Staatsdienst. Aber als sie ein Kind wollte und verlangte, dass sie beide sich häuslicher einrichteten, war er nicht bereit gewesen zurückzustecken. Er kam nie zur Ruhe, wollte allen zeigen, wie gut er war, wie erfolgreich er sein konnte.
Nun war er ein geschiedener Mann. Wie sein Vater.
Er schluchzte auf. Tränen zwängten sich hinter den zusammengekniffenen Augenlidern hervor und glitten in die Wasserpfütze auf dem Boden. Er zitterte jetzt heftiger, schlotterte. Es schüttelte ihn durch und durch, so dass die Zähne aufeinander schlugen. Gleichzeitig war es, als würden Kristallspitzen in seinen Kopf dringen. Er stöhnte laut auf. Das Licht schlingerte vor seinen Augen.
Er hatte nie zugegeben, wie sehr er darunter gelitten hatte, dass seine Eltern sich getrennt hatten. Er war 14 Jahre alt, als seine Mutter aus dem Einfamilienhaus am Stadtrand auszog, weil sie die überhebliche Dominanz des Vaters nicht mehr ertragen konnte.

Um ihn herum wurde es dunkel. Schwarze dichte Leere. Nichts. Er glitt in innere Untiefen hinab. Dann hörte er entfernt jemanden leise wimmern. Es dauerte eine Weile, bis er wieder aus der bewusstlosen Leere aufgetaucht war und erkannte, dass er selbst es war, der da vor sich hin jammerte und stöhnte. Er hatte aufgehört zu zittern, traute sich aber immer noch nicht sich zu bewegen. Womöglich wäre es ihm auch gar nicht gelungen. Sein gesamter Körper fühlte sich inzwischen von innen heraus eisig kalt an. Er glitt hinein in die Kälte.
Und irrte auf einem vertrockneten Eisplaneten umher. Vor seinem inneren Auge schwirrte der gleißende Schweif eines vorbeiziehenden Kometen auf. Sternenstaub glitzerte auf, fiel auf ihn hinab. Planeten zogen ihre ellipsenförmigen Bahnen um die Sonne. Am Rande des Universums wachten Kugelwolken über das Gleichgewicht des Raumes. Die Namen der neun Planeten unseres Sonnensystems tauchten wie ein Schriftzug am Firmament auf: Merkur, Venus, Erde, Mars, Jupiter, Saturn Uranus, Neptun, Pluto. “Mein Vater Erklärt Mir Jeden Sonntag Unsere Neun Planeten.” Diesen Merkspruch hatte Mutter ihm beigebracht. Damals zählte Pluto noch zu den Planeten und noch nicht als Zwergplanet eingestuft worden.
Über ihm schwebten phosphoreszierende Sterne und Planeten, Mond und Sonne, genau so, wie sie an der Decke über dem Hochbett in seinem Kinderzimmer geklebt und im Dunkeln geleuchtet hatten. Er tauchte in das Sternenmeer ein und spazierte die Ringe des Saturns entlang. Er verlor sich im Dickicht der Sterne. Genau wie damals, als er mit seiner Mutter das Planetarium in Bochum besucht hatte. Seine Mutter hatte halb liegend zurückgelehnt neben ihm auf dem Sessel gesessen und tief in sich versunken den Sternenhimmel betrachtet. Sie hatten alles um sich herum vergessen, den kuppelförmigen Saal, die anderen Menschen, den großen Projektor, der ihnen das Universum vorspiegelte. Er hatte sich geborgen und beschützt gefühlt. Als die Vorstellung vorbei war und er in das grelle Sonnenlicht des Sommernachmittags hinaustrat, hatte er Schwierigkeiten, in die Wirklichkeit zurückzukehren. Er war verwirrt und orientierungslos. Auf dem Weg in der U-Bahn nach Hause schwieg er. Er stellte sich vor, er sei ein Astronaut. Oder besser noch: Ein Sternenwanderer, der sich ohne Raumschiff und ohne Schutzanzug durch den Weltraum fortbewegte, von einem Planeten zum anderen, von einem Stern zum nächsten, der Sonne entgegen.

War er das gewesen, der da flüsternd wie ein Kind nach seiner Mutter gerufen hatte? Niemals zuvor hatte er sie so sehr vermisst. Bei dem Gedanken an ihr verschwiegenes Lächeln krampfte sich sein gesamtes Inneres zusammen. Solch eine Sehnsucht.
Sie hatten zusammen in dem von der Sonne beschienenen Wintergarten gesessen und mit Aquarellfarben gemalt. Mutter hatte ihre Staffelei vor dem großen Erkerfenster aufgebaut, dort wo das Licht die Farben am wirkungsvollsten hervorbrachte. Er hatte seinen Schulmalkasten auf dem Boden zu ihren Füßen ausgebreitet und tauchte den Pinsel großzügig in die Wasserfarben. Hin und wieder durfte er die Farbkästen seiner Mutter benutzen.
Er liebte es zu malen. Seine Bilder zeigten Raumschiffe, die zum Merkur, zur Venus und zum Saturn flogen. Aber bald schon verließen sie das Sonnensystem, wagten sich weiter in das Weltall hinaus und erkundeten fremde Planeten. Bevor er die Wasserfarben für sich entdeckt hatte, hatte er mit Buntstiften Comicgeschichten gezeichnet, natürlich alles Science-Fiction-Stories. Er hatte sich selbst das Schreiben beigebracht und füllte die Sprechblasen seiner Weltraumabenteuer mit staksigen Druckbuchstaben. Er war oft allein mit seiner überschießenden Phantasie, konnte und wollte sie mit niemandem teilen – außer mit seiner Mutter. Er wurde zum Einzelgänger. Wenn er nicht zeichnete oder malte, streifte er allein durch die Wildnis am Rande der Siedlung und stellte sich vor, er wäre ein Astronaut, der einen unbekannten Planeten erforschte.
Einmal, als er in seinem Bett lag, über sich die phosphoreszierenden Planeten an der Decke, leuchtete ein Blitz auf. Erst glaubte er, es sei ein Gewitter. Aber von draußen war kein Donner zu hören. Er schaute zur Zimmerdecke hinauf und sah dort von einem der Sterne einen Kometenschweif vorbeiziehen. Aber das Licht kam auch nicht von dort oben. Es kam aus ihm heraus. Als er die Augen zukniff, schossen weitere Lichtblitze dahinter entlang. Eine Lichtgestalt formte sich daraus. Sie schwankte durch einen Nebel aus Flimmern und Glitzern auf ihn zu. Gerade als die Lichtgestalt dem Jungen die Hand entgegenstreckte, kam der Vater ins Zimmer. Mit einem lauten Klacken öffnete er die Tür und polterte herein, schreckte ihn aus dem Halbschlaf hoch und beschwerte sich, dass er seine Hausaufgaben nicht sorgfältig genug gemacht habe. Schlagartig war die Lichtgestalt verblasst. Er konnte sie auch nicht wiederbeleben, als er wieder allein im Zimmer war.

Er kam wieder zu sich. Für einen kurzen Augenblick wusste er nicht, wo und wer er war. Er hatte geglaubt, in dem selbst gebauten Hochbett in seinem alten Kinderzimmer zu liegen. Doch dann dämmerte die Erkenntnis wieder. Er war immer noch an demselben kalten und trostlosen Ort wie zuvor. Unbeweglich und starr, dazu verdammt, die Erinnerungen wie Flashbacks zu erleben. Das Licht seiner Helmlampe erlosch. Absolute Dunkelheit und Stille umgaben ihn nun, kein Dämmerlicht mehr. Kein Zwielicht. Nichts. Er lag starr und steif auf dem Boden des alten Grubenschachts. Er war am tiefsten, dunkelsten Punkt angelangt. Und driftete noch tiefer.
Seine früheste Erinnerung reichte zurück bis zu dem Alter, als er drei Jahre war. Er hockte auf dem Boden im Kinderzimmer und steckte ein Puzzle zusammen. Es hatte viele kleine Teile und war eigentlich für ältere Kinder gedacht. Aber es machte ihm unglaublichen Spaß. Er hatte es schon viele Male zusammengelegt und wieder auseinander genommen. Er war so sehr in das Puzzle vertieft, dass er alles um sich herum vergaß. Vor allem hörte er nicht mehr die lauten Stimmen der Eltern aus dem Wohnzimmer. Da war der Lichtstrahl zum ersten Mal aufgetaucht. Die strahlend helle Gestalt war durch das Fenster hereingekommen und warf lustige Lichtflecken auf das Puzzlebild, tanzte mit den aufgewirbelten Staubflusen im Sonnenlicht. Der kleine Junge jauchzte vor Freude auf und versuchte die funkelnden Punkte einzufangen. Er grabschte mit seinen speckigen Fingern danach, aber die Flusen entglitten ihm jedes Mal. Er wurde vom hellen Sonnenlicht beschienen, tauchte freudig darin ein. Das wärmende gelbe Licht hüllte seinen Kopf ein, so dass ihm leicht und beschwingt wurde. Das Leuchten drang in ihn ein und breitete sich von seiner Brust aus über den Bauch und schließlich den gesamten Körper. Er fühlte sich wohlig warm und fröhlich.
So wie damals, als er auf dem Schoß seiner Mutter gesessen hatte, umschlungen von ihren weichen starken Armen, den gleichmäßigen Schlag ihres Herzens an seiner Wange und den beruhigenden Klang ihrer Stimme an seinem Ohr.
“In uns allen wohnt ein Lichtwesen”, hauchte sie ihm zärtlich zu. “Ein Lichtwesen, das uns die Liebe zeigt. Und den Weg zu uns selbst.”

Er konnte nun nichts mehr tun, konnte seinen Kopf nicht heben, konnte nicht aufstehen, nicht fortlaufen. Er konnte auch nicht rufen, seine Stimme würde ungehört verhallen. Vor allem aber gelang es ihm nicht mehr aufzuwachen. Er wurde aus sich herausgezogen, in einen Strudel hineingezogen, aufgesaugt und aufgesogen. Er hatte immer geglaubt, man würde durch einen Tunnel hindurch ans Licht wandern, wenn es zu Ende ging. Aber dort war kein Tunnel mehr, kein Grubenschacht und auch kein Bergstollen. Alles war beleuchtet und von durchscheinender Helligkeit überflutet. Die Wände des Grubenschachts waren verschwunden, als hätte eine unsichtbare Hand sie geöffnet. Die Sonne strahlte herein auf den am Boden liegenden Mann.
Das Lichtwesen erwartete ihn. Und schickte ihm seine Lichtenergie.
Eine Wolke aus Sternenstaub rieselte glitzernd und glänzend auf ihn herab. Sein Geist war so rein und klar wie noch nie zuvor. Er war vollkommen in sonnengelbe Strahlen getaucht. Das pulsierende Licht in seiner Mitte verströmte Kraft und Energie, weitete sich bis ins Unendliche. Sämtliche Formen lösten sich auf.

Er war wieder ein Kind der Sterne.

Er war der Sternenwanderer.

DSC05175