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Die Landkarte meiner Seele

Wenn ich eine Landkarte meiner Seele zeichnete, würdest du ihr folgen und dich auf den Weg begeben in ein unbekanntes Land?

Dann betrachte ihre Abbildungen.

Die Landkarte meiner Seele ist keine physische Karte, die lediglich die Beschaffenheit der Erdoberfläche darstellt und mit der du nur von außen auf meine Erscheinung blicken kannst, wie auf das flüchtige Abbild, das man in einem Schaufenster erhascht oder auf der Wasseroberfläche eines glatten Sees, wie eine Bleistiftzeichnung auf weißem Papier, zweidimensional, flach und oberflächlich, ohne zu erkennen, was sich hinter dem Antlitz verbirgt, hinter der Maske eines aufgesetzten Gesichts, hinter dem äußeren Schein.

Schau genau hin: Die Landkarte meiner Seele enthält Punkte, Linien und Flächen, Figuren, Farben und Schattierungen, Positionsmarkierungen und Bewegungszeichen, Vertiefungen und Erhebungen, verteilt über Ozeane und Küsten, Gebirge und Ebenen, Täler und Schluchten. Du findest verschlungene Pfade und ein Dickicht, hinter dem das Wilde, Dumpfe lauert, mein „Heart of Darkness“, das in dem undurchdringlichen Dschungel lebt und das hinauf ans Licht drängt, das aus dem Dunkel hervor treten, sich zeigen, anerkannt und geliebt werden will. Erforsche die Muster und du wirst bemerken, dass die Landkarte meiner Seele eine thematische Karte ist, vielschichtig und über mehrere Raum- und Zeitebenen angelegt. Erst wenn es dir gelingt, zu den untersten Schichten vorzudringen, wirst du etwas über meine wesentlichen Eigenschaften erfahren, über die Landmarken meines Lebens, über ihre Zusammenhänge mit meiner Geschichte und ihren zeitlichen Veränderungen.

Beginne deine Reise, indem du das Gebirge im Norden erklimmst. Überquere den Pass der Widerstände und des Misstrauens. und mache dich an den Abstieg in das verborgene Gebiet, das auf der Landkarte durch eine dunkle Fläche gekennzeichnet ist. Wandere zwischen Schluchten und Klaftern hindurch und meide die versteckten Abgründe. Begib dich auf den Weg in das zwiegespaltene Land zwischen Vernunft und Spiritualität.

Aber hüte dich vor dem Nebel, der über der Wiese aufsteigt. Er ist zäh und dicht und wird versuchen, dir die Sicht zu nehmen. Wappne dich für die Begegnung mit dem kleinen Mädchen. Wie soll ich dir die Stimmungen und Schwingungen vermitteln, die ich als Kind unterschwellig wahrnahm? Die mich umgaben wie eine dickflüssige Emulsion aus Empfindungen, elektrischen Spannungen und Elementarteilchen, in die ich hineingestoßen wurde, eingetaucht in Nanoteilchen, die sich aufeinander zu bewegten, sich anzogen und sich wieder abstießen und sich in einem unentwegten Zustand der Aufladung und Entladung und Wiederaufladung befanden. An manchen Tagen waren diese kristallinen Wolken schwer und drückten mich nieder. An anderen Tagen umhüllten sie seicht und leicht mein Gemüt. Wie das Ungesagte benennen, wenn es nie ausgesprochen wurde? Wie den Gefühlszustand beschreiben, wenn er nicht erkannt wurde?

Das Ungesagte machte stumm. Still, schüchtern, nach innen gekehrt.

Aber die Gefühle bahnten sich ihren Weg, wollten ausgedrückt werden und sich offenbaren. Sie explodierten aus meinem zarten Körper, so als gehörten sie gar nicht zu mir. Wenn sich der Zorn entladen hatte, hing er in der Luft wie der Rauch aus abgebrannten Feuerwerkskörpern.

Aber Gefühle auszudrücken war verboten.

Und schlau zu sein war nicht erlaubt.

Als ich in die Schule kam, konnte ich bereits lesen und schreiben. Die Lehrerin zeigte uns Kindern, die Buchstaben in die Luft zu zeichnen, die Finger über den Kopf erhoben, Luftbuchstaben, Luftwörter. Wenn ich mich vertan hatte, wischte ich den falschen Buchstaben weg. Die Lehrerin dachte, ich winkte ihr zu. Dann endlich durften die Buchstaben auf das Papier. Schönschrift aus Linien und Schwüngen und Bögen, auf und ab und gleichmäßig. Keine eigenen Wörter, Sätze, Aneinanderreihungen von Satzteilen, keine erzählte Wahrheit oder Geschichten. Nur ständige Wiederholungen von immer wieder denselben Formen. Leere Hülsen ohne Bedeutung. Jeden Mittag auf dem Nachhauseweg zählte ich die Steinplatten, achtete darauf, dass ich nicht auf die Ritzen trat, dachte mir Geschichten aus. Lebte in Innenwelten und Tagträumen. Ich war das Intelligente, Wissende, das was nicht sein darf, das, was niemand wahrhaben will, was nicht gesehen werden darf.

Wenn du das Nebelfeld durchwandert und dich heldenhaft der Begegnung mit meinen inneren Landmarken gestellt hast, wird es Zeit für den Aufstieg auf die Hochebene. Betrachte nun die Landkarte meiner Seele und du wirst feststellen, dass die einstmals dunkle Fläche gefüllt ist mit Farben und Zeichen. Ein Kontinent hat sich herausgebildet. Das bin Ich. Unangepasst, voller Ideen und Träume. Die Intelligenz und das Wissen, die Kreativität, das Ursprüngliche, Verträumte, der Zorn und der Verstand. Ein Wesen, das aufbegehrt gegen Mittelmäßigkeit und Konformität, Unterdrückung und Ungerechtigkeit und das einen liebevollen, wertschätzenden Umgang mit anderen Menschen ersehnt.

Lass uns gemeinsam einen Kontinent der Farben erschaffen, der bunten Pracht und Vielfältigkeit. Lass uns unsere Fähigkeiten zeigen und unsere Eigenschaften sich verbinden, so dass sie zu etwas Großem, Ganzen werden.

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