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Luisenhof

Sie saß auf einer Bank im Westpark. In der Linken hielt sie ein Buch, den Ellbogen abgestützt durch die rechte Hand, so dass sie die Seiten direkt vor Augen hatte und den Kopf beim Lesen nicht neigen musste. Wie selbstverständlich hielt sie ihren Oberkörper aufrecht, die Füße nebeneinander auf den Boden gestellt. Ihre Gesichtszüge wirkten gelöst und gleichmäßig. Das abnehmende Tageslicht zeichnete die sonst so strengen Linien in ihrem Gesicht weich.
Er hätte sie für eine durchschnittliche alleinstehende Frau mittleren Alters gehalten, unauffällig und unangepassz, wäre da nicht diese Drahtigkeit, diese leichte Anspannung ihrer schlanken sehnigen Figur gewesen, die ihn neugierig gemacht hatte. So als wäre sie ständig bereit wegzulaufen. Als wäre sie hier und gleichzeitig woanders.
„Guten Abend, Marlene.“
Ihren Name hatte er auf dem Schildchen an ihrer Bluse gelesen.
Sie zuckte leicht zusammen. Für einen kurzen Augenblick war ihre Miene blank, ihre leuchtenden stahlblauen Augen ihm unverhüllt zugewandt. Dann legte sich wieder die geschäftsmäßige höfliche Maske über ihr Antlitz.
„Darf ich mich zu Ihnen setzen?“
Sie ließ ihr Buch sinken und rückte bereitwillig ein Stück beiseite, so dass auf ihrer linken Seite Platz für ihn war.
„Sie waren lange nicht mehr in der Apotheke“, sagte sie.
„Also erinnern Sie sich an mich?“
„Anscheinend geht es Ihnen wieder besser.“
„Die Bachblüten-Tropfen haben mir sehr geholfen. Ich nehme sie jedes Mal, wenn ich aufgeregt bin. Ich bin fasziniert, wie die Essenzen auf die Psyche und den Körper wirken können.“
„Sie sind sehr aufgeschlossen und empfänglich.“
Sie nahm das Buch wieder auf, das sie in ihren Schoß gelegt hatte, so als wollte sie ihre Lektüre fortsetzen.
Er rückte ein wenig von ihr ab. „Ich wollte Sie nicht vom Lesen abhalten.“
„Sie stören mich nicht.“
Er fühlte sich ermuntert und öffnete seine Umhängetasche, um darin zu kramen.
„Ich habe selbst ein Buch dabei“, fuhr er fort und holte das zerlesene Exemplar der gesammelten Kafka-Werke hervor. Er begann darin zu blättern.
„Ich analysiere gerade den ‚Aufbruch‘. Eine herrliche Geschichte. Man könnte sie eine Kürzest-Geschichte nennen. Kafka schreibt so knapp und reduziert, er ist er Meister des Weglassens und des Ungesagten und gerade dadurch lässt er so viel Spielraum für eigene Bilder und Vorstellungen. Man kann so viel hinein interpretieren. Es ist unglaublich.“
Beschämt darüber, dass er ins Schwärmen geraten, sich geöffnet und sie in sein Innerstes hatte blicken lassen, schloss er das Buch wieder.
„Ich bin erstaunt,… Wie heißen Sie?“
„Mortimer.“
„Ich bin erstaunt, Mortimer, dass ein junger Mann wie Sie sich mit solch ernsthaften Dingen beschäfigt.“
Er lachte auf. „Ich glaube, Sie verschätzen sich, was mein Alter angeht.“
Es stellte sich heraus, dass der Unterschied zwischen ihnen gar nicht so groß war: Er war 34, sie 42 Jahre alt. Er erzählte, dass er das Alleinsein und die Natur liebte, dass er lange Wanderungen unternahm und dass er den Fernseher abgeschafft hatte, damit er nicht mehr von den wesentlichen Dingen im Leben abgelenkt wurde. Er lebte spartanisch, bescheiden.
Er fragte sie nach dem Buch, das sie in Händen hielt. Sie hielt ihm den Buchdeckel entgegen: „Walden“: „Henry Thoureau hat ganz dem zivilisierten Leben entsagt und für mehr als zwei Jahre allein in einer Blockhütte in den amerikanischen Wäldern gelebt. Seine Erfahrungen und Gedanken hat er in Tagebüchern festgehalten und später zu diesem Buch verarbeitet.“
„Eine Biografie also.“
„Eher eine Mischung aus Erlebnisbericht und Roman. Thoureau gilt als Philosoph und Vorreiter der Bewegung für einen alternativen ausgewogenen Lebensstil.“
„Welche Stelle lesen Sie gerade?“
Sie öffnete den Band an der Stelle, die sie mit ihrem Finger markiert hatte. Ihr Gesicht verschlossen, las sie mit ruhiger, gleichmäßiger Stimme vor: „Ich kenne mich nur als menschliches Wesen, als den Tummelplatz sozusagen von Gedanken und Gefühlen, und bin mir einer gewissen Doppelexistenz bewusst, die mir gestattet, mir selbst so ferne zu stehen wie einem anderen Menschen.“
Er runzelte die Stirn und lauschte den Worten nach. Dann fuhr er sich mit den Händen über den strubbeligen Haarschopf, den er nicht zu glätten vermochte. „Puh, das ist nicht einfach zu verstehen. Ich würde es mir am liebsten aufschreiben und erst einmal in Ruhe analysieren.“
Ihr rechter Mundwinkel hob sich leicht, belustigt über seine Reaktion. Sie klappte das Buch zu und hielt es ihm hin: „Nehmen Sie es mit. Wenn Sie genügend interpretiert haben, bringen Sie es mir vorbei.“

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Der Nachhauseweg führte sie die Straße entlang, die um den Luisenhof herumführte, einer ehemaligen Arbeitersiedlung. Der Wohnblock war von der Straßenseite her unzugänglich, zeigte eine strenge Außenfassade mit abweisenden Wänden, in denen die Fenster wie verdunkelte Augen waren, die nach außen schauten, aber den Blick nach innen verwehrten, die Wohnungen in den undurchdringlichen Fensterfassaden nicht einsehbar, kein Eingang, keine Tür, kein Durchgang in Sicht. Sie bog rechts in die nächste Querstraße ein und lief das kurze Stück weiter, bis sie den unscheinbaren gedrungenen Torbogen erreichte, der ihr den Durchgang zm Innenhof gewährte. Unversehens befand sie sich in einer idyllischen grünen Oase. Die Hauseingänge und Balkon der herrschaftlichen Sandsteinhäuser des Luisenhofs waren, abgeschirmt von der Außenwelt, zur Hofinnenseite gerichtet, und blickten auf den alten Baumbestand aus Pappeln, Ahorn und Kastanien hinab. Sobald Marlene diesen geschützten Bereich betreten hatte, fiel die Maske der Gleichmütigkeit von ihr ab und sie tauchte in die verträumte, magische Atmosphäre dieses kraftvollen historischen Orts ein und erfreute sich an dem Anblick der stilisierten Schmuckgitter an den Balkonen und Loggien.
Sie erreichte ihre Haustür, schloss sie auf und stieg die zwei Etagen durch das saubere Treppenhaus hinauf bis zu ihrer Wohnung.

Mit jeder weiteren Schwelle streifte sie ihr Äußeres Ich ab. Mit jedem weiteren Schritt gelangte sie hinein in das Innere, in ihr Sanktuarium. In der Küche bereitete sie sich einen Tee zu und setzte sich damit in die Bibliothek. Hier, wo sie von ihren Schätzen umgeben war, den Regalen und Vitrinen voller Bücher, Kunstgegenständen, Filmen und Musik, Gemälden und Fotos, Denkspielen und Instrumenten, den Utensilien für Malerei, Fotografie und Kalligraphie, fiel alles Belastende und Verfälschte von ihr ab. Hier herrschten Vielfalt und Reichhaltigkeit. Welche Auswahl würde sie heute Abend treffen?

Marlene dachte an den wissbegierigen und begeisterungsfähigen jungen Mann, Mortimer, dem sie im Park begegnet war und über den sie gerne mehr erfahren würde. Er erinnerte sie an Glenn Gould. Sie legte die CD mit den Goldbergvariationen auf. Diese Klaviermusik war so sehr mit der Persönlichkeit des Interpreten verhaftet, dass es nicht Bach war, dem sie lauschte, sondern dem wieder auferstandenen, ewig weiter lebenden Genius, der in sein Klavierspiel all seine Emotionen gelegt hatte, zu deren Ausdruck er in seinem verschrobenen Leben nicht in der Lage gewesen war. Doch trotz seines fast zwanghaften Perfektionismus, den er bei den Studio-Einspielungen gezeigt hatte, war unverkennbar, dass er die Musik liebte, sie vollkommen verinnerlicht hatte, sie verkörperte und sie den Menschen mitteilen wollte. Und die Aufnahme von 1981 war so viel langsamer, bedächtiger und behutsam gespielt, dass sie Marlene jedes Mal aufs Neue berührte.
Sie lehnte sich in ihrem Sessel zurück, schloss die Augen, strengte ihren Geist an und ließ alles, das Gute und das Böse, gleich einem Strom an sich vorüberziehen.
Sie würde dem jungen Mann, Mortimer, der ihr Herz berührte, Einiges von ihren inneren Schätzen anvertrauen. Ein Anfang war gemacht. Er würde Thoureau lesen.
Und dann,… vielleicht… die Landkarte meiner Seele