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Madame Pipanelle hat eine Begegnung

 

Pfff, pfff, pfff.
Madame Pipanelle schreitet mit weiten, dynamischen Schritten aus. Ihre Schuhe klacken nicht mehr, sondern geben leise, seufzende Laute des Wohlgefühls von sich, so als laufe sie auf einem weichen Luftkissen. Sie hat die Pumps gegen Sneakers eingetauscht. Und den wehenden Stoffmantel, der nur hinderlich war, gegen eine modische Outdoorjacke. Bei jeder Bewegung streicht der Wind sachte über die dünne Stoffschicht, ffft, ffft, ffft.
Den Hut hat sie abgelegt. Ihre Haare wippen bei jedem Schritt beschwingt mit.

Im Park des Lupines riecht es nach gefallenem Laub, das seinen würzigen Duft über dem feuchten Grund verströmt. Madame Pipanelle atmet das bitter-süße Aroma ein, saugt es tief in sich auf.
Jeden Tag begibt sie sich nun auf Erkundungstour, verlässt das Quartiere Literataire und besucht andere Stadtteile. So vieles hat sich in ihrer Stadt verändert. Manche Gegenden erkennt sie kaum wieder. Sie fühlt sich wie eine Touristin in einer fremden Stadt.
Auch diese neuen Unternehmungen sind zu einer gewissen Routine geworden. Aber Madame Pipanelle versucht jedes Mal eine Kleinigkeit im Ablauf zu ändern. So frühstückt sie zwar immer noch im Bistro an der Ecke, aber sie bestellt längst nicht mehr nur Milchkaffee und Croissants, sondern probiert jeden Morgen etwas anderes auf der Speisekarte aus. Und am Wochenende gibt es Brunch vom umfangreichen Frühstücksbuffet. Danach macht sie sich auf den Weg. Manchmal nimmt sie die Metro oder den Vorstadtzug. Mittags macht sie oft nur ein kleines Picknick, versorgt sich beim Bäcker im Bahnhof mit Proviant.
Madame Pipanelle hat auch eine Vorliebe für Museen entdeckt.
Von jedem Ort, den sie besucht, bringt sie ein Erinnerungsstück mit, eine Postkarte oder einen Ausstellungskatalog, eine Musik-CD oder ein Buch. Sie hat sich einen Ausweis für die Bibliothek besorgt und leiht regelmäßig die neuesten Romane aus. Abends kocht sie nach den Rezepten aus den Kochbüchern, die sie aus der Bücherei mitgebracht hat. Die Zutaten kauft sie immer frisch auf dem Markt ein. Und bald hat sie sich auch gut mit dem Inhaber des kleinen Delikatessenladens an der Ecke bekannt gemacht.
Sie kommt gerne nach Hause in ihr Appartment zurück, freut sich darauf, nachdem sie den ganzen Tag unterwegs gewesen ist. Aber sie merkt auch, wie muffig und abgestanden die Luft ist. Wie abgenutzt die Möbel und Gegenstände geworden sind.
Sie will sich mit ihrem Sohn Fabrice treffen und ihn bitten, ihr bei der Renovierung der Wohnung zu helfen.

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Auch aus dem Park des Lupines will Madame Pipanelle ein Erinnerungsstück mitnehmen. Sie sammelt Laubblätter, Kastanien, Eicheln und Bucheckern. Daraus will sie am Abend einen bunten Herbstteller für ihr Wohnzimmer herrichten. Als sie über die Umgrenzung des befestigten Gehwegs steigt, um über das Gras zu den Büschen mit den roten Früchten zu gelangen, raschelt und schnüffelt es plötzlich im Unterholz. Madame Pipanelle verharrt in ihrer Bewegung, begleitet von einem abrupten „Swusch“ ihrer Sneakersohlen, als sie stehen bleibt. Vor Getier im Unterholz hat sie Angst.
Aber dann kommt nur ein kleiner, struppiger weißer Hund zum Vorschein, der durch den dichten, weichen Teppich aus Laub stöbert. So hat sie es als Kind auch immer getan. Sie stakste durch die knisternden Laubblätter, schlürfte mit ihren Stiefelchen und ließ die Blätter aufwirbeln, so dass sie hoch in die Luft stoben.
Der Hund schaut sie an, verschmitzt, verspielt, die Schnauze voller Erde und Gestrüpp, die großen braunen Augen treuherzig auf sie gerichtet.
Madame Pipanelle erinnert sich plötzlich daran, dass sie auch einmal einen Hund hatte, früher, als sie ein kleines Mädchen war. Er sah so ähnlich aus wie dieses putzige Fellknäuel, das jetzt vor ihr auf und ab läuft, den Stummelschwanz freudig hin und her schlagend. Sie bückt sich zu dem Hund hinunter, um ihn zu streicheln und hinter den Ohren zu kraulen. Da rast er auch schon wieder davon, getrieben von seinem Jagdinstinkt oder Spieltrieb, so laut kläffend und quiekend, wie seine zarte Stimme es zulässt, einem Menschen entgegen, der gerade hinter dem Gebüsch hervorkommt, auf einen Spazierstock gestützt, aber dennoch mit aufrechter Körperhaltung. Er hat graue Haare und freundliche Falten um die Augen.
„Bonjour, Madame.“
Der Monsieur bleibt stehen und beobachtet, wie der Hund zwischen ihr und ihm hin und her rennt, aufgeregt, fast aufgedreht, von einem zum anderen hüpfend. So als wolle er ihnen etwas Wichtiges mitteilen.
„Wie ich sehe, mag Milou sie bereits.“
Der kleine Hund bestätigt das mit einem weiteren Kläffen.
„Vielleicht mögen Sie uns ein Stück begleiten. Wir wollen gerade hinunter zum See.“
Wie selbstverständlich hält er ihr seinen Arm hin, Madame Pipanelle legt ihre Hand in seine Armbeuge und gemeinsam gehen sie auf den Fußweg zurück.
„Mein Name ist übrigens Bertrand. Pierre Bertrand.“