Allgemein

Madame Pipanelle verläuft sich

 

Klick, klack, … klong.
Wie jeden Donnerstag ist Madame Pipanelle auf dem Weg zum Kaufhaus die Rue du Jour entlang gelaufen. Doch als sie an der Einmündung zum Chemin de la Chapelle angekommen ist, steht sie vor einem Bauzaun. Früher ist sie oft in das kleine Gässchen abgebogen, ist an den alten windschiefen Häuschen vorbei geschlendert, in denen sich eine Künstlerkolonie niedergelassen hatte, hat die bunt bemalten Türen und Fenster bewundert und die Statuen und Plastiken betrachtet, die in den Vorgärten aufgestellt waren.

Doch jetzt ist der Weg versperrt.
Als sie um den Bauzaun herum in eine Nebenstraße abbiegt, um zu erspähen, was sich dahinter verbirgt, tut sich vor ihr eine riesige Baugrube auf. Ein Kipplaster manövriert, eine Baggerraupe bewegt Erdmassen, Bauarbeiter rufen sich Anweisungen in einer fremden Sprache zu.

Madame Pipanelle ist verwirrt.
Die Stadt verändert sich und um sie herum ist nichts mehr so, wie es einmal war.
Die altehrwürdigen, aber in die Jahre gekommenen Bauten in ihrem Viertel weichen mehr und mehr modernen Lofts und Designerhäusern und das Quartier Literataire wird zunehmend von jungen, schicken, zielstrebigen und wohlhabenden Leuten bevölkert.
Die Alten werden immer weniger. Dabei ist es doch so, dass die Bevölkerung insgesamt immer älter und es bald viel, viel mehr alte als junge Menschen geben wird. Doch im Quartiere Literataire scheint es genau anders herum zu sein.

MmePipanneleBaustelle

Behutsam stakst Madame Pipanelle um die Baustelle herum.
Ihre Pumps, auf die sie so stolz ist, klackern nicht mehr, sie geben nur noch erstickte Laute von sich, als sie über sandigen Boden und durch sumpfige Pfützen waten.
Sie muss einen Umweg gehen. Und plötzlich weiß sie nicht mehr, wo sie ist.
Sie findet sich in einer Umgebung wieder, die ihr völlig unbekannt ist.
Sie entdeckt neue Bistros und Cafés mit seltsamen Namen und ungewöhnlichen Speisen und Getränken, deren Bezeichnung sie noch nie gehört hat: Latte Macchiato, Chai Latte, Sojamilch und Macha Tee, Zimtschnecken, Brownies und Cantuccini.

Plötzlich hat sie Hunger.
Seit dem Frühstück hat sie nichts mehr zu sich genommen und sie ist auch nicht wie gewohnt in der Confiserie de Tart gewesen, um das köstliche rosa Gebäck zu kaufen, das sie so gerne mag. Ob sie es wagen und eines dieser unbekannten Backwaren probieren soll? Drei Mal geht sie am Schaufenster vorbei, hinter dem die jungen Leute an kleinen Tischen auf unbequemen Stühlen sitzen, bevor sie ihren inneren Widerstand und ihre Scheu überwindet und die Tür öffnet, die in eine neue verlockende Welt hineinführt.
An der Theke bestellt sie einen Milchkaffee und Eclairs. Doch die gibt es nicht. Dafür bietet die Barista ihr Cannoli an, ein mit Sahne gefülltes Gebäck, das mit grünen Pistazien verziert ist.
Damit ist die Entscheidung gefällt.
Heute einmal grün statt rosa, beschließt Madame Pipanelle.
Und setzt sich mit ihrem Tablett an einen freien Tisch am Fenster.