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Das Licht, das in allen Dingen wohnt

 

Ein pulsierender Punkt, ein Funke, so klein wie die Spitze einer Stecknadel, entzündet sich, weitet sich, dehnt sich aus, erstrahlt zu einer hellen kugeligen Fläche, einem Ball aus gleißender Helligkeit, an den Rändern ausgefranst, dahinter die Dunkelheit. Vollendete Helligkeit überdeckt die dumpfe Stille. Widerhallendes Pochen hinter geschlossenen Augenlidern. Schwere erdrückende Mattigkeit. Ein zaghaftes, unkontrolliertes Flackern, Zittern, das zu einem Blinzeln wird. Die Augen öffnen sich widerstrebend, staunend. Er schaut in die konturlose Helligkeit, das leuchtende strahlende Weiß.
Sein erstes Wort: „Licht.“

Er muss wieder eingeschlafen sein. Hinter seinen geschlossenen Augen lodert ein Lichtstrahl auf, so grell, dass er den schwarzen Negativ-Abdruck eingebrannt auf seiner Netzhaut spürt. Linien aus Licht, Lichtblitze. Umhüllte Lichtgestalten bewegen sich um ihn herum, Personen, Gegenstände, Geräusche. Zunächst aber nur diese weiße Fläche, der weiße Raum, von Licht erstrahlt, ausgefüllt. Es ist nichts als Licht.
Wieso fällt es ihm so schwer, die Augenlider zu heben? Diese geringe Muskelanstrengung verursacht ihm grelle zuckende dröhnende Kopfschmerzen. Es gelingt ihm nicht, den Blick zu fokussieren. Er schaut in das gleißende Licht.
„Weiß“, sagt er. Und: „schwarz“.

Er liegt auf der Normalstation. Der gesamte Raum in weißes Licht getaucht.
Er hört die Musik, die Melodie, den Gesang der Welt. Er weiß: Alle Formen, Gegenstände, Personen, Tiere, Pflanzen, sind von Licht umhüllt, sind göttlich.
Klare, knisternde, reine, leuchtende Helligkeit. Sie riecht prickelnd wie die Luft im Freien nach einem Gewitter. Er spürt das Licht wie einen umhüllenden Schleier auf der Haut. Dort, wo sich der Nadeleinstich für den Zulauf zum Tropf befindet, ist der weiße Lichtfluss, der um seinen Körper strömt, von einem dunklen roten Fleck unterbrochen.
„Rot“, sagt er.

Das Piepen der Überwachungsmaschinen, untermalt von einem stetigen Summen und Surren, das Pumpen des Perfusors. Ein schneidendes kreischendes, schepperndes Geräusch, als die Krankenschwester mit dem Behandlungsbesteck hantiert.
„Bald brauchen Sie die Medikamente und den Tropf nicht mehr. Sie müssen sich nur anstrengen und die Augen aufhalten. Nicht immer wieder wegtauchen!“
Er hört das Umstöpseln des Tropfs, das Gluckern, als der neue Plastikbeutel mit der Kochsalzlösung eingesetzt wird.
„Ich habe die Dosierung des Medikaments herabgesetzt, wie der Arzt es angeordnet hat. Vielleicht werden sie dann wacher.“
„Ich bin wach“, sagt sein Körper, sagt sein Geist. „Ich bin so wach wie nie zuvor.“
Er blinzelt, versucht die Augen zu öffnen. Er wird geblendet, senkt die bleischweren Lider wieder, dahinter eine Welle leuchtenden, wirbelnden Rots. Knallrot wie der Roller, den er als Kind hatte. Die sich drehenden Räder mit den reflektierenden weißen Streifen an den Reifen.
„Rot“, sagt er und lächelt dabei.
Er war auf dem Roller den Weg am Getreidefeld entlang geflitzt und hatte dabei vor unbändiger Freude gejauchzt, ein glucksendes Lachen, das tief aus seinem Bauch aufstieg, seine Kehle kitzelte und wie in großen Luftblasen aus seinem Mund herausströmte. Er trampelte so wild und so lange, bis der asphaltierte Weg aufhörte und in den sandigen Waldweg überging. Dort musste er umkehren, denn in den Wald durfte er nicht alleine. Im Sommer standen die Ähren auf dem Feld so hoch und dicht, dass sie den Kindern bis zu den Schultern reichten und sie darin Verstecken spielen konnten. Später konnten sie dann die Spuren von niedergedrückten Halmen erkennen, wo sie entlang gelaufen waren. Als das Getreide geerntet worden war und nur noch die Stoppeln übrig waren, stieg er einmal von seinem Roller ab und wollte über die Stoppeln an das andere Ende des Feldes laufen. Aber es piekste fürchterlich und er rannte schnell wieder zurück zu seinem Roller.
Er riecht das Gras und die Sonne und den Wind.
Das Weizenfeld lag gleich hinter der Mauer, die den Hof umgab. Wenn er den Weg in Richtung Wald einschlug, kam er an dem Fachwerkhaus vorbei, in dem die alte Frau Huber wohnte. Sie hatte einen Obstgarten, in dem er Pflaumen pflücken und anschließend mit nach Hause nehmen durfte. Seine Mutter backte herrlich saftigen Zwetschgenkuchen daraus, zu dem es von Hand geschlagene süße Sahne gab. Die Pflaumen waren noch heiß und die Sahne zerlief milchig warm und schaumig.
Das Wasser läuft ihm im Mund zusammen. Er spürt den bitter süßen Geschmack auf der Zunge.
„Rot. Weiß.“

Seit einigen Tagen kann er sich selbstständig im Bett aufrichten. Gegen die Kissen gelehnt, isst er von dem Teller, den die Krankenschwester ihm jeden Mittag auf den Tisch neben seinem Bett stellt. Bissen für Bissen und genussvoll kauend. Heute Morgen ist er das erste Mal aufgestanden und, auf die Krankenschwester gestützt, einige Schritte im Zimmer umhergegangen. Nun sitzt er auf einem Stuhl am offenen Fenster, hält das Gesicht der wärmenden Sonne entgegen und lauscht dem Vogelgezwitscher.
Vor dem Fenster des Krankenzimmers hat sich auf einem Ast ein Vogel niedergelassen und singt. Er hat ein schwarzes Gefieder und einen orangefarbenen Schnabel. Eine Amsel? „Die Amsel zeigt dir ihren Baum“, hieß ein Bilderbuch, das ihm seine Mutter vorgelesen hat, als er ein kleiner Junge war.
Er betrachtet das Gefieder der Amsel und bemerkt, dass es nicht schwarz ist, nicht völlig undurchdringlich dunkel, sondern dass das Federkleid in schattierenden Grautönen schillert, von hellgrau bis anthrazit, darunter nur einige wenige, fast völlig schwarze Federn.
Der Vogel hält einen Moment in seinem Gesang inne, legt den Kopf schräg, betrachtet den Mann am Fenster durch undurchdringliche Knopfaugen. Dann beginnt er wieder zu trällern. Der Mann hört den Vogel, versteht ihn, er erkennt den Sinn und die Bedeutung der einzelnen Töne, der Tonfolge, der Melodie. Der Vogel teilt ihm etwas mit. Der Mann staunt und weiß: Es gibt keine menschliche, tierische oder pflanzliche Sprachen, die voneinander getrennt sind. Alles ist EINS, alles ist miteinander verbunden.

Er denkt: Ich habe die Worte. Ich erkenne die Welt.
Ich erkenne das Ein und Alles, das Licht, das in allen Dingen wohnt.

Und er schließt die Augen, um ins Licht zu gehen.
Sämtliche Formen lösen sich auf.