Allgemein, kreatives Schreiben

Madame Pipanelle kauft ein

 

Klack, klack, klack.
Hier kommt Madame Pipanelle.
Die metallbeschlagenen Absätze ihrer Pumps klackern in einem energischen Stakkato über das Trottoir, übertönen den Lärm des Straßenverkehrs und das Gezeter ihrer Nachbarn.

Flopp, flopp, flopp.
Ihr weiter, wehender Mantel verschafft sich Platz.
Die Feder auf dem spitzen Hut steilgerade in die Luft gerichtet, stolziert sie die Rue du Jour entlang.

Plong, plong, plong.
An ihrer rechten Hand baumelt eine Papiertasche der Confiserie „Créme de Tart“, ein weiteres Säckchen hat sie unter den Arm geklemmt. Sie muss aufpassen, dass sie das Gleichgewicht hält, denn mit der linken Hand balanciert sie einen Stapel Päckchen und Kartons. Es ist Donnerstag, Einkaufstag. Madame Pipanelle hat wieder einmal zugeschlagen.

Jeden Morgen frühstückt Madame Pipanelle im Bistro an der Ecke. Eine Tasse Milchkaffee und ein Croissant. Jeden Mittag sucht sie das kleine Restaurant in der Rue de Lafayette auf und nimmt eine Suppe oder einen kleinen Salat zu sich. Sie kocht nie selbst. Nicht für sich allein. Nur am Abend bereitet sie sich eine kleine Mahlzeit zu. Etwas Käse und Wurst zu einem Stück Baguette. Ein paar Oliven. Sie sitzt allein an dem Esszimmertisch, der Platz für sechs Personen bietet, auf dem jetzt aber nur ein Gedeck und eine Stoffserviette liegen, das Leinen fadenscheinig, das Silber des Serviettenrings dunkel angelaufen. Sie hat sich angewöhnt, während des Abendessens Radio zu hören, den Klassiksender. Bach und Haydn mag sie am Liebsten. Nach dem Essen sitzt sie im Ohrensessel am Fenster, darauf bedacht, den Kopf nicht auf das Spitzendeckchen zu legen, um das Tuch zu schonen. Hier hat immer Gustave gesessen, aber nun gehört das Möbelstück ihr.
Gustave ist vor drei Jahren gestorben. Er hat ihr das Appartement hinterlassen und einige Wertpapiere, so dass ihr monatlicher Unterhalt gedeckt ist. Und sonst nichts.
Die Kanzlei gehört nun Fabrice. Jahrelang hat Madame Piapenelle ihrem Mann beigestanden, hat den Haushalt versorgt, den Sohn erzogen und im Notariat mit ausgeholfen. Sie hat die Akten angelegt und sortiert, die Buchhaltung geführt, die Terminplanung organisiert und leidige Mandanten von ihrem Mann ferngehalten.
Nun ist alles automatisiert. Anfangs durfte sie noch den Telefondienst übernehmen, aber dann hat Fabrice eine neue Telefonanlage installieren lassen und fast alles läuft computerisiert. Madame Pipanelle wird nicht mehr gebraucht.
Sie wirft einen Blick aus dem Fenster. Das Nachbarhaus gegenüber ist in kleine Einzimmerwohnungen unterteilt, Kabinen, in denen nur junge Menschen wohnen, Studenten. Die Bewohner in ihrem Viertel werden immer jünger – oder sie immer älter.

Torte

Jeden Nachmittag geht Madame Pipanelle im nahe gelegenen Park spazieren.
Ihr Leben verläuft gleichmäßig und eintönig. Doch einmal in der Woche kauft Madame Pipanelle ein. Jeden Donnerstag erlaubt sie sich, ihrer Leidenschaft nachzugehen. Das erste Ziel, das sie ansteuert, ist die Lingerie „Dessous rosé“. Dann das Kaufhaus „Galerie Juliette“ und zum krönenden Abschluss die Confiserie „Créme de Tart“.

Wipp, wipp, wipp.
Madame Pipanelles mächtiger Busen wogt in der neuen oleanderfarbenen Corsage auf und ab. Sie riecht das köstliche, verlockende Aroma aus der Papiertasche an ihrer rechten Hand, Vanille, Makronen und rosa Zuckerguss, Vermicelles und Liebesknochen.
Sahnig, cremig und fluffig. Verlockende Süßigkeiten, Backwaren und Naschzeug.
Nicht mehr lange, dann ist sie zu Hause.
Dann darf sie die Beherrschung verlieren.
Dann darf sie sich endlich hingeben.